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Steiermark.
geworden ist. So fromm wie der Calvarienberg ist der Schloßbcrg nun allerdings nicht; ein paar Wirthshäuser
gibt es auf ihm, wo es mitunter gar weltlich zugeht; und Felshöhlcn und dichte Lauben hat er, in deren Schatten
schon manchesmal jenes Blümlein Wundersüß erblüht sein mag.
Nachdem der Schlutzbcrg von den Franzosen wieder zurückcrworbcn war (er kostete zehn Tausend Gulden W. W.)
wurde er durch Baron Wcldcn zn einem Parke nmgeschaffen. Ein erzenes Standbild Ncldcns vor dem Schweizer^
hause ehrt noch heute das Andenken dieses wackeren Mannes.
Das Erste, was uns, vom Aufgange am Karmelitcrplatz kommend, auffällt, ist ein großes Kruzifix, das
unter Bäumen am Wege steht. Ein dem Castclle entsprungener Gefangener, dem es hier gelang, seine Fesseln abzn-
streifcn, soll dieses Kreuz nachmals errichtet haben. Bis zu diesem Ehristusbilde durften die Angehörigen einen Vcr-
urtheilten begleiten, der cmporgcführt wurde zur Richtstätte. Weiter oben sehen wir auf einer Maucrzinne einen
schwarzen, steinernen Hund sitzen. Denkmal eines braven Hundes, der den Grazcrn das war, was den Römern die
Gänse des Kapitols. In einer finsteren Nacht des Jahres 1479 wollten die Ungarn das Schloß überrumpeln, zwei
Dicnstlcute der Burg waren schon bestochen, sie sollten dcn Magyaren die schöne Prinzessin Kunigundc, Tochter
Kaiser Friedrich I I I . überliefern. Schon lagerten zweitausend Mann Feinde ganz nahe der Stadt in einem Walde
und Alles war zum Ucberfall bereitet, als der wachhabende Schloßhauptmann durch Hundegcbell auf die Gefahr
nnfmerksam gemacht wurde. Sogleich ließ er die Besatzung ausrücken und die Verräther in das Burgverlieh werfen;
sie wurden gehangen und gcvierthcilt.
Nach wenigen Schritten stehen wir vor dem Uhrthurm, auffallend durch seine bizarre Gestalt. Ein Fcstnngs-
thurm, vielleicht der älteste Bau in Graz, der alle Stürme der Zeiten glücklich überstand. Die Thnrmuhr ist sehr
sinnreich, die Zeiger springen von Minute zu Minute durch einen Zug der astronomischen Normaluhr. Nach dieser
Uhr, deren riesige vier Zifferblätter in der ganzen weiten Runde von Graz gelesen werden können, richten sich alle
andern der Stadt. In diesem viereckigen Thurme war früher ein Orgelwerk, genannt das „stcirische Horn", welches
mit seinen vielen Pfeifen täglich des Morgens nnd Abends nnd bei großen Feierlichkeiten gespielt wurde, daß es in
erhebenden Tönen hinklang über die Giebel nnd Thürme der Stadt. Während der französischen Besetzung ist dieses
originelle Werk verloren gegangen. Im Uhrthurmc befindet fich auch die Feuerglocke, das „Armensünderglöcklciu",
dac- einen gar kläglichen Ton hat und früher bei Hinrichtungen geläutet worden ist. Das ist dieselbe Glocke, die an
jenem Abende, als Baumlirchcr und sein Frcnnd Greiscncckcr unter freiem Geleite die Stadt verlassen wollten, zu
früh die Vesper kündete. Noch lange diente diese Glocke zum „Gottcsfricdcnläuten", znr Warnung vor gewaltsamen
Uebcrfällen. Später kam eine Zeit, wo sie des Abends den Gast- und Kaffeehäusern die Sperrstunde anschlug und
sonach die „Luinvenglucke" hieß. — In diesem Thurme ist am 30. September 1745 der berühmte Schauspieler
Johann Franz Vruckmann, dessen Vater hier Wächter war, geboren worden.
Vom Uhrthurme wendet sich die Straße und geht durch eine dichte Kastanienallee sachte hinan zum massiven,
achteckigen Glockcnthurm, mit der größten (hundertscchzig Centner schweren) Glocke des Landes, die „alte Liesl", zu
dcn Ruincnrestcn der Festung nnd zum Plateau. — Kühle Luft strömt uns entgegen nnd es entrollt sich eine
entzückende Aussicht. Wir wissen kaum, wohin dcn Blick zuerst wenden. Da unten die weite, vielthürmige Stadt,
ans welcher das Gcbrausc der Wägen wie das Rauschen eines Wildwasscrs herausdringt. Still nnd hell zieht sich
der Murfluß, bisweilen eine schwimmende Holzbrücke obcrländischer Flößer mit sich tragend, durch das Häusermeer,
welches nach beiden Seiten hin bis an das Gebirge oder Hügelland schlägt, um sich besonders gegen Norden und
Osten in zahllosen Villen, Winzerhüusern, Schlössern und Höfen, die über die Höhen hingesäet sind, aufzulösen. Hart
am Fuße des Echloßberges stehen die altersgrauen Häusermasscn am dichtesten, dann unterbrechen der Strom, die
dunklen Alleen der Ringstraße, das grüne Eiland des Stadtparks, hinter welchen der große, breite, schimmernde Ring
der Vorstädte anhebt. Auch die übrigen Theile des Schloßbcrgs, an denen wir emporgestiegen sind, scheinen in die
Stadt hinabgesunken zu sein nnd wir blicken hoch über die Kronen ihrer Bäume hin. Gegen Westen aber, dort.
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918