Seite - 101 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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Graz.
wo die dunkeln Waldungen des Plllwutsch gegenüberstehen, fällt der Schloßberg in steilen Felsen gegen die ängstlich
sich blickende Häuserreihe der Sackstraße und die Mur ab. An diesen schroffen Hängen, die wie ein Heim des Edelweiß
aussehen, reift die Rebe. — Und wenn das Auge gegen Norden und Westen weiterfliegt: zwischen bewaldeten Bergen,
die sich cuulissenartig in einander verschieben, tritt der Murstroin hervor, und in weiter Ferne schimmern die schnee-
bedeckten Berggipfel seiner Heimat ihm den letzten Gruß uach. Die kärntnerischen Alpen bis zum Vachergcbirgc hin
ziehen einen unendlichen Wall um das „stcirische Paradies" von der Kainach bis zur Sulm, aus dessen Gefilden
der Rosenkogel und das Sausalergebirge ragen. Der vorgeschobene Rücken des Wildonerbcrgcs schneidet den Blick ins
Leibnitzcrfcld ab, aber über dem südöstlichen Hügclzug her lugt noch ein oder der andere unserer Bekannten im Untcr-
landc. Weit hinter jenem lieblichen Bilde, „wo zwei Thürme aus den Bergen ragen, umgeben uon der Wälder
dunklem Grün", hinter Maria-Trost herein blauen die Herren der Fcistritz, die Pyramide des Kulm und der Rücken
des Rabenwald, hinter welchen das schöne St. Johann mit dem romantisch an der Feistritz gelegenen Schlosse Hcrbcrstcin
liegt. — Gegen
Nordostcn ragen
die schwellenden
Berge von Weiz
und der Grazcr
Schocket, als der
steirischc Rigi
von den Grazcrn
gerne besucht.
Eine großartige
Ferusicht, eine
herrliche Flora,
ein Alpenhans
mit Schwaigerci
vermitteln den
Städtern hier rc> !^ Ver kzilmtcich. die schönsten al-
pinen Genüsse,
welche durch die
Sagen von den
Schöckclhexen
und den Wct-
tcrlochcrn, die
mit dem Plat-
tensee in Un-
garn in Verbin-
dung stehen sol-
len, nicht getrübt
werden. Hier in
groben Strichen
das grußartige
Bild uoin Grazer
Schloßbcrgc aus, welches in allen seinen Theilen, von den ^chncchäuptcrn des Oberlandes bis zu den rcbmuinkränztcn
Hügelwcllcn, durch vaterländische und fremde Dichter schon besungen worden ist. Wir mögen nns kaum sättigen an
diesem Anblicke und nehmen uns vor, wiederholt heraufzusteigen, um denselben bei allen Beleuchtungen des Tages,
und endlich auch des Abends, wenn oben die Sterne, unten das Meer der Gasflammen funkeln, zu genießen. —
An der Nordseitc zwischen Tanncngruppen, die an manchen Stellen förmliche Wälder bilden, zwischen Felsen und üppigem
Laubgehölze steigen wir nieder, überall begrüßt von dem Gesänge der Vögel, die ganz traulich zu uns heranfliegen.
Sie haben hier den Menschen gar lieb; ein Vugelvater, Baron W. U. Kalchberg, hat ihnen auf Pfählen zahlreiche
Tischchen aufrichten lassen, ans welchen sie zur Zeit der Wintersnoth gefüttert werden. — Aber unter den Vöglein
allen ist eins, das uns zumal gemahnt, der Mensch hätte keine bleibende Stätte hienicden, und sein Leben wäre
nichts, als eine knrzc Wanderschaft durch diese schöne Schöpfung Gottes. — So schnüren wir denn unser Bündel
und sagen dem schönen Graz Lebewohl. — Wir nehmen auf dein neuen monumentalen Südbnhnhof eine Karte mit
Unterbrechungen, denn wir haben noch mehrere der schönsten und interessantesten Gegenden der Steicrmark kennen zu
lernen. — Der Zug rollt rasch durch den großen Bahnhofsplatz, zwischen den zahlreichen Fabriken und pustenden
Eisenwerken, Gärten und Landhäusern hin, bis er uns bei Gösting, wo das Grazerfeld abschließt und die engen,
waldreichen Bergthäler beginnen, an der malerischen Weinzettelbrücke noch einen Blick auf den Schlußberg gönnt, der
bereits in die Ferne gerückt und eingehüllt ist in den bläulichen Hauch der Stadt.
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Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918