Seite - 106 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
Bild der Seite - 106 -
Text der Seite - 106 -
Steiermark,
Eises zerklüftet und zersprengt. — Freilich
verlieren solche Berge an Poesie, wenn
man an ihnen hinanklettern muß, aber
nach zwei Stunden sind wir auf der Höhe
des Kamms, wo die Almen anheben und
wir am Fuße des Lnntsch stehen.
Als riesige Klippe ragt er empor,
hat eine grüne Pclzjuppe aus Fichtenwald
umgehaugen »nd eine Kappe von Zirm
gesträuchen auf. Die Joppe ziehen ihr
allgemach die Holzhauer vom Leibe und es
quelle» die weißen Kalksteine hervor, die oft so durch-
wühlt nnd durchlöchert sind, daß man meint, es wären
versteinerte Badschwämme. In mannigfaltigster Weise
haben in diesem Gebirge die Wasser gewüthet, man
begegnet bei schönem Wetter aber nur ihrer trockenen
Spnr. Labende Quellen findest Tu nicht. Nur die
bleichen Steine fprndcln hervor, die Wassertropfen versinken in den porösen, ausgehöhlte» Gebirgsstock, bis Du sie
nnten in den Wasserfallen der Bärcnschütz wiederfindest. Selbst das Wunderbrünnlein am Schüsserlbrunn, der
Kapelle hoch im Gewände des Lantsch, ist im Versiegen. Das ist sonst der Brunnen zum Augenwaschen für kurz-
sichtige Wallfahrer.
Auf den Höhen des Lantsch findet man schon den Blutstropfen nnserer Alpen, das liebholde, wundcrsüß
duftende Kohlröschen. — Mit diesem geschmückt stehen wir endlich auf dem zackigen Felsendiadem, das von unten
gesehen über den duftbläulichen Filzen der Legföhren emporragt. Wir starren in den Abgruud der nördlich senkrecht
nicderfahrendcn Felswand. Der Wald, der unten liegt, blaut wie eiu See: das Thal von Brcitcnan grünt im
Sonnenschein; hinter dem behäbig dalicgciwen Nennfelde ruht in ätherischen Farben, halb mit dem Dufte des Himmels
verschmolzen das Hochgebirge. Gegen Sonnenaufgang breiten sich die thalartigcn Huchmatten der Tcichnlpc, wo vor
einstmal nach der Sage des Volkes eine Stadt gestanden ist. Arbeit nnd Zufriedenheit war in dieser merkwürdigen
Stadt daheim gewesen. Da kam des klaren Bächleins entlang ein Goldfischlein geschwommen, das erzählte allfurt
von einer andern Stadt im ferne» Morgcnlande, in welcher kein Spaten und kein Hammer wäre, sondern lauter
Gennß, Uebcrfluß und Freude. So haben es die Einwohner nnscrcr Bergstadt auch haben wollen, haben Spaten
und Hammer von sich geworfen und in Uebermuth ein lnstreiches Leben geführt. Aber weil sie's zu arg getrieben,
so sind über den Lantsch her wüste Stürme gekommen, es haben Erdbeben getobt und die Stadt, die nicht mehr
arbeiten hatte wollen, ist versunken. Das Bächlein fließt noch heute durch das Thal und nur ein einzig Wirthshaus
steht an seinem Ufer. Das Guldfischlein soll dnrin zuweilen noch zu sehe» sein und will den Leuten erzähle» von
dem genußreichen Leben der großen Städte nnd sie zur Unzufriedenheit verleiten. Aber die Aelplcr arbeiten und
janchzcn und hören nicht viel auf den Unfriedstiftcr.
Hinter der Teichalpe, dem Plankogrl und dem Osser liegt das Engthal der Gaiscn und der Kessel von Fladnitz,
der jenseits vom Schöckel begrenzt wird. Hinter dem Schöckel zieht es blau und glatt wie das Meer — die gesegneten
Striche der mittleren uud nntern Stciermart. Gegen Sonnenuntergang stehen Haupt an Haupt hohe Berge mit
grünen Almen bis hin an den blauen Gürtel der kärntnerischen Alpen.
Aber vielleicht noch ehe sich unsere Seele satt getrunken hat an dem Bilde »nd dem Kusse des Himmels,
tommt ein Woltenwagen herangezogen. Nasch eilen wir bergab nnd suchen im Gewände das Wallfahrtskirchlcin
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918