Seite - 110 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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Steicrmark,
Eiu paar Dachbretter fliegen in der Luft, von der Wandbank kollern die Melkzubcr, das kleine Haus auf der
Bcrgcshöh' stöhnt in Todesangst. Blitz, Donner, Wasserstürzc und Hagel nmbransen die Hütte.
„Wie bin ich froh, daß Leut' da sind," sagt die Schwaigcrin, „zu todt fürchten müßt' sich
eins allein!"
„Zwei Wetter sind znsammcn gekommen," meint der Alte, „und jetzt raufen sie miteinander. — Die
zwei Ritter haben es anch so gemacht. — Jetzt, wie der Kncnring die Jungfrau schier gehabt, wie schon
die vornehme Hochzeit ist gewesen im Perncggcr G'schluß — ist auf einmal auch der Wulf da. Du, Kueiniug!
sagt er, du bist ein Wicht und nur Zwei sind für Eine um halben Theil zu viel, Einer von uns muß
sterben. Kuenring, wo willst mit mir den Iweikampf halten? — In meinein Hochzcitc>haus nicht. Lieber da
oben auf dem hohen Berg. — Ja, weil er eine Her hat gewnßt, die hier oben in einer Felsenhöhle hat
gewohnt und auf die er hat vertraut. — lind der Ttubcnbcrger nimmt sein Schwert, das bei Ehristi Grab
das Hcidcnblut hat vergossen, nnd da oben auf hohem Fels, wo der Berg jäh abgeht nach allen Seiten, thäten
sie gegen cinandcrrcnncn. — Das Herz mitten durchstochen, ist der Kuenring hingefallen zur Erden. Der
Stubcnbcrgcr hat sein Schwert genommen uud gesagt: Du meines Vaters Schwert hast für den Heiland
gestritten und den ehrvergessenen Mann besiegt, dn hast einen schönen Lauf gethan, dn sollst ruhen in der
Erden auf diesem hohen Berg. Tu wirst nimmer verrosten uud dereinstmal, wenn die wilden Zeiten kommen,
wird dich ein Edelmann finden und mit dir den Feind vertreiben. — So hat der Stubcnberger gesagt, hat
sein Schwert vergraben. Alte Leut aber haben erzählt, er hätte nicht gesagt ein „Edelmann", sondern ein
„Bettelmann" sollt' das Schwert finden. — Jetzt, Bettcllcnt' sind schon viel da heroben gewesen — keiner hat's
troffen. — Leicht, daß ich dazukomm'."
Wie aus der Pfeife hat der Alte die Geschichte gesogen, nnd als jene verloschen, ist diese verstummt. —
Das Gewitter hat sich auf das stete Bemühen der Schwaigcrin mit dein Kreuz vcrtobt und die Wultenfetzen zerrissen
wie der Vorhang des Tempels von unten bis oben.
In wundersamer Plastik steht die Schwabengruppc da, aber anf mehreren Höhen des Murthales liegt die
wciße Hülle des Hagels.
„Wie ich mein Kreuz nicht zur Hand hab," meint die Schwaigen», „so fährt das grob Wetter auf
uns los!"
„Dirn!" sagt der alte Halter, „das Kreuz mag gut sciu, aber dem Stubenbcrgcr sein Schwert wär'
mir noch lieber."
Wir rüsten nns zum Aufbruch; da ruft der Halter: „ Ihr geht gleich so davon und fragt nicht wic's
nuc-gangen isti Gehcirathet hat er sie nachher, der Wulf die Agnes."
Mit dicfcr schönen Befriedigung kehren wir nach Brück zurück.
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918