Seite - 124 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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Steiermark.
Zum Schlüsse unserer Wanderung gelangt, wollen wir noch emporsteigen zur pocsicreichcn Nuinc Hohcn-
wang. Von unseren Vorfahren wnrdcu die Bcrgschlösscr verflucht, von nns werden sie verehrt. Einst waren
diese Schlösser Zwingburgen, heute sind sie — Ruinen. Der Kampf ist ans, der Feind liegt hingestreckt, den
Erschlagenen hassen wir nicht mehr. Und die alten Burgen sind unserer Thäler Zicrdeu, unserer Berge Krouen,
sind Urkunden vergangener, halbverschollener Zeiten, sind Sagcnwartcn und Propheten, der übermüthigen Gegenwart
in dem Bilde der Vergangenheit ihre Zukunft vor Augen haltend. Ein Ucbclthätcr, der seine Hand zerstörend an
Burgruinen legt, aber auch fast ein Uebclthätcr, der durch „Ausbesserungen" mit Ziegel nnd Mörtel die Nuinen,
ich möchte sagen, mit gewaltsamen Mitteln vor dem Verfalle zu wahren sucht. Beide vergreifen sich an Heilig-
thümcrn eines Volkes, und eine rcparirtc Ruine ist wie eine uralte Frau, die sich ^ geschminkt hat. Die alten
Neste verfallen trotzdem, die ncncn Einsätze gehören nicht zn dein ursprünglichen Bane nnd machen an den Wahr-
zeichen irre. — Ruinen, seien sie die Neste eines Todten, seien sie die stillragcndcn Mancrn eines vergangenen Ge-
schlechtes, mögen von profanen Händen nicht berührt werden. So lange eine Bergfeste uns eben belassen ist, wollen
wir uns daran belehren und erbauen; ihr allmähligcr Verfall und endlich ihr letzter, moosbewachsener Stein ist be-
redter, als die von uns künstlich geschützten und gestützten Mancrn. Wohl wird cinc Zeit scin, wo von nnscrcn
gegenwärtigen Ruinen keine Spur mehr zu finden; aber es ist vorgcsurgt und niemals wird kommen ein ruinenloses
Jahrhundert.
Im Menschenleben gibt es zwei Perioden der „Ruinensucht". Der Jüngling entflicht an huldsameu Sommcr-
abendcn der Studirstubc nnd klettert durch Gebüsch und über Gcfclse alten Schlössern zu. Er späht, forscht und
lauert im Gemäuer herum, und weiß.nicht, was er sucht. Sein Leben knospet ihm so frisch und voll, unbewußt
regt sich in ihm der Drang zu Thaten. Er fühlt, scin Theil müsse ihm erst werden, scin großes, schönes Theil
an dieser licht- und lustvollen Welt. Fast instinktmäßig sucht er in der Vergangenheit der Menschen seine Zukunft
zu erfassen. Er durchwandert Ruinen, schwärmt und träumt, bis der Mond auftaucht über dem Gemäuer, sieht
Ritter und Vnrgfränlcin, ist selbst ein Edelknabe im Minnedienst. — Aber nnbefriedigt steigt er nieder zn seinen
heutigen Tagen, und das Räthsel ist nicht gelöst. — Die Jahre fliehen, der Mann mnß Thaten vollbringen, um
sein vermeintliches Glück zn erwerben. In dieser Ganzheit seines Ich hat er der Nuincn vergessen. Doch der Mann
überlebt scin Heil. Nun wicdcr steigt er langsam empor zu den Ruinen, die auf waldigen Hügeln und Berge»
ragen. Gelassen nnd leidenschaftslos durchwandert er das bröckelnde Gemäuer. Er schwärmt nnd träumt nicht
mehr — braucht keinen Mondenschein. Er versteht nnn die Nuinc, und an dcn traurigen Dcnkstättcn aus altcr
Zcit holt cr sich Resignation.
Rnincn haben in dcr Ncgcl drei Zeitabschnitte. Erster Abschnitt: Das Haus wird verlassen; der Witterung
ist freier Spielraum gegeben. Insekten kommen, bohren, schaben, lockern, nntcrminircn. Die Fenster zersplittern,
die Thore modern, das Dach bricht ein. — Zweiter Abschnitt: Die Nässe dringt durch das Gemäuer, durch
Balken und Dielen, sie löst nnd sie fördert die Fäulniß. Das Eis sprengt Risse und Klüfte, Stürme rütteln,
lockere Steinchcn rieseln. — Dritter Abschnitt: Der Wald kommt, allerhand Pflanzen, Moose, Schlinggewächse wuchern,
kriechen in die Ritzen und klettern das Gemäuer empor. Junger Tann sproßt aus den Klüften und Sprüngen, wächst
auf dcn Zinnen. Das gräbt nnd stemmt und hebt. Und die Insekten sind fleißig fort und fort, und die Witterung
nagt fort und fort und der Aucrhahn nnd dcr Nabc vermag den lockeren Stein mit dem Flügclfchlag vom Gemäuer
zu, lösen, und endlich wanken die Wände selbst und stürzen. Und auf dcn Schutthaufen wuchern Kräuter, Sträuche,
Bäume; nnd der kleine Stcinhiigcl sinkt ein, nnd schließlich breitet sich über Alles der grüne, lebendige Wald.
So wird ein Mcnschenwcrk dnrch dcn Zahn dcr Zcit langsam zernagt, aber — neues Leben sproßt ans
den Ruinen.
Die Ruine Hohcnwang, cinc der größten nnd interessantesten Bergfesten des stcirischen Oberlandes, die von
ihrem steilen, waldigen Berge aus wie ein Diadem im ganzen oberen Thale dcr Mürz sichtbar ist — befindet sich
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918