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Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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Steiermark. Zum Schlüsse unserer Wanderung gelangt, wollen wir noch emporsteigen zur pocsicreichcn Nuinc Hohcn- wang. Von unseren Vorfahren wnrdcu die Bcrgschlösscr verflucht, von nns werden sie verehrt. Einst waren diese Schlösser Zwingburgen, heute sind sie — Ruinen. Der Kampf ist ans, der Feind liegt hingestreckt, den Erschlagenen hassen wir nicht mehr. Und die alten Burgen sind unserer Thäler Zicrdeu, unserer Berge Krouen, sind Urkunden vergangener, halbverschollener Zeiten, sind Sagcnwartcn und Propheten, der übermüthigen Gegenwart in dem Bilde der Vergangenheit ihre Zukunft vor Augen haltend. Ein Ucbclthätcr, der seine Hand zerstörend an Burgruinen legt, aber auch fast ein Uebclthätcr, der durch „Ausbesserungen" mit Ziegel nnd Mörtel die Nuinen, ich möchte sagen, mit gewaltsamen Mitteln vor dem Verfalle zu wahren sucht. Beide vergreifen sich an Heilig- thümcrn eines Volkes, und eine rcparirtc Ruine ist wie eine uralte Frau, die sich ^ geschminkt hat. Die alten Neste verfallen trotzdem, die ncncn Einsätze gehören nicht zn dein ursprünglichen Bane nnd machen an den Wahr- zeichen irre. — Ruinen, seien sie die Neste eines Todten, seien sie die stillragcndcn Mancrn eines vergangenen Ge- schlechtes, mögen von profanen Händen nicht berührt werden. So lange eine Bergfeste uns eben belassen ist, wollen wir uns daran belehren und erbauen; ihr allmähligcr Verfall und endlich ihr letzter, moosbewachsener Stein ist be- redter, als die von uns künstlich geschützten und gestützten Mancrn. Wohl wird cinc Zeit scin, wo von nnscrcn gegenwärtigen Ruinen keine Spur mehr zu finden; aber es ist vorgcsurgt und niemals wird kommen ein ruinenloses Jahrhundert. Im Menschenleben gibt es zwei Perioden der „Ruinensucht". Der Jüngling entflicht an huldsameu Sommcr- abendcn der Studirstubc nnd klettert durch Gebüsch und über Gcfclse alten Schlössern zu. Er späht, forscht und lauert im Gemäuer herum, und weiß.nicht, was er sucht. Sein Leben knospet ihm so frisch und voll, unbewußt regt sich in ihm der Drang zu Thaten. Er fühlt, scin Theil müsse ihm erst werden, scin großes, schönes Theil an dieser licht- und lustvollen Welt. Fast instinktmäßig sucht er in der Vergangenheit der Menschen seine Zukunft zu erfassen. Er durchwandert Ruinen, schwärmt und träumt, bis der Mond auftaucht über dem Gemäuer, sieht Ritter und Vnrgfränlcin, ist selbst ein Edelknabe im Minnedienst. — Aber nnbefriedigt steigt er nieder zn seinen heutigen Tagen, und das Räthsel ist nicht gelöst. — Die Jahre fliehen, der Mann mnß Thaten vollbringen, um sein vermeintliches Glück zn erwerben. In dieser Ganzheit seines Ich hat er der Nuincn vergessen. Doch der Mann überlebt scin Heil. Nun wicdcr steigt er langsam empor zu den Ruinen, die auf waldigen Hügeln und Berge» ragen. Gelassen nnd leidenschaftslos durchwandert er das bröckelnde Gemäuer. Er schwärmt nnd träumt nicht mehr — braucht keinen Mondenschein. Er versteht nnn die Nuinc, und an dcn traurigen Dcnkstättcn aus altcr Zcit holt cr sich Resignation. Rnincn haben in dcr Ncgcl drei Zeitabschnitte. Erster Abschnitt: Das Haus wird verlassen; der Witterung ist freier Spielraum gegeben. Insekten kommen, bohren, schaben, lockern, nntcrminircn. Die Fenster zersplittern, die Thore modern, das Dach bricht ein. — Zweiter Abschnitt: Die Nässe dringt durch das Gemäuer, durch Balken und Dielen, sie löst nnd sie fördert die Fäulniß. Das Eis sprengt Risse und Klüfte, Stürme rütteln, lockere Steinchcn rieseln. — Dritter Abschnitt: Der Wald kommt, allerhand Pflanzen, Moose, Schlinggewächse wuchern, kriechen in die Ritzen und klettern das Gemäuer empor. Junger Tann sproßt aus den Klüften und Sprüngen, wächst auf dcn Zinnen. Das gräbt nnd stemmt und hebt. Und die Insekten sind fleißig fort und fort, und die Witterung nagt fort und fort und der Aucrhahn nnd dcr Nabc vermag den lockeren Stein mit dem Flügclfchlag vom Gemäuer zu, lösen, und endlich wanken die Wände selbst und stürzen. Und auf dcn Schutthaufen wuchern Kräuter, Sträuche, Bäume; nnd der kleine Stcinhiigcl sinkt ein, nnd schließlich breitet sich über Alles der grüne, lebendige Wald. So wird ein Mcnschenwcrk dnrch dcn Zahn dcr Zcit langsam zernagt, aber — neues Leben sproßt ans den Ruinen. Die Ruine Hohcnwang, cinc der größten nnd interessantesten Bergfesten des stcirischen Oberlandes, die von ihrem steilen, waldigen Berge aus wie ein Diadem im ganzen oberen Thale dcr Mürz sichtbar ist — befindet sich
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Unser Vaterland Steiermark und Kärnten
Titel
Unser Vaterland
Untertitel
Steiermark und Kärnten
Autoren
Peter.K. Rosegger
Fritz Pichler
A. von Rauschenfels
Verlag
Gebrüder Kröner
Ort
Stuttgart
Datum
1877
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
28.1 x 42.23 cm
Seiten
344
Schlagwörter
Wandern
Kategorien
Geographie, Land und Leute
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