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harnten.
und Fern zieht es noch herbei. Doch das Hochthal von Heiligenblut ist nicht ciuzig und allein das Ziel unserer
Wanderung, sondern vielmehr der Pastcrzenglctscher, welcher die höchste Abstufung desselben mit seinem blaugrüne»
Eisgetäfel erfüllt und alle Eigenthümlichkeiten und die Erhabenheit nnd Schönheit der größten und interessanteste»
Eisfelder der gesammtcn Alpcuwclt in sich vereinigt. Der Weg ist nicht lang und auch nicht beschwerlich, er führt au
der Bricciuskapcllc und an einem Paar rauschender Wasserfalle vorüber zuerst auf die Elisabethruhe am unteren Rande
des Gletschers, wo die Sektion Klagenfurt des deutschen und östreichischen Alpcnvcrcines ein geräumiges Untcrkunftshaus
errichtet hat. Dasselbe bietet ein willkommenes Asyl, von dem aus die Wunder der Eisregion bequcmlich genossen werden
tonne», selbst von solchen, die ihren physischen Kräften nicht viel zumuthen dürfe». Gewöhnlich steigt man bis zur
Franz-Ioscphs-Höhc empor, wo man in vollstem Maße die zutreffende Wahrheit der unübertrefflich schönen Schilderung
der Gletscher i»ne wird, die Heinrich Zschukke in seinen klassischen Stellen der Schweiz entworfen hat, wo er sagt:
„Hier waltet Tudcsstillc. Dann und wann wird sie nur uom Widerhalle fernen Lawincndunncrs oder von einem
schneidenden Windzuge gestört, der zwischen dem Geklüfte der Felsen seufzt. Je höher man in die breiten Schncc-
gefilde hinaufsteigt, die kein Sommer hiuwegthaut, je ernster wird das Gemüth dessen, der hier allein noch in der
unermeßlichen Einsamkeit zu athme» wagt. Man ist rings von den Schreckeil einer ungeheuren Zerstörung belagert.
Da scheint nie Leben gelächelt zu habeil. Mau steht auf den Ruinen einer Welt. Der stmnme Tod hat da seinen
Thron. Unter ihm breitet sich das weiße Leichentuch der Natur über Alles aus. Wo es der Sturm aber stellenweis
zerrisse» hat, liegt das Gerippe nnd schwarze Felsengebcin des Erdballs entblößt. Tic starre» Gipfel, Firsten und
Zinken des Gebirges, welche in seltsamen Gebilden umherstehen, gleichen riesigen Grabmalen. Nirgends Bewegung
über dem Wcltleichnam. Nur eine Wolke schleicht am Himmel und zieht über die Eiswüsten einen fahlen Schatten nach."
Das Unterkunftshaus auf der Elisadethruhe, das Glocknerhaus, wie es schlechtweg heißt, eignet sich vorzüglich
als Standquartier für viele der großartigsten Hochtoureu im umliegenden Glocknergebiete. Der Besuch des so überaus
interessanten ubcrsten Pasterzenbodens, die Passage nach Kaprun über das Riffelthor, die Besteigung des Iuhannis-
berges, der Ucbergang in das Stubachthal, die Erklimmung der Brrgesfürsten, die ihren König, den majestätischen
Grußglockner, im nördlichen Bogen umgeben, endlich die Bewältigung dieses erhabensten Titanen der Ostalpcn selbst
werden durch die Möglichkeit eines bequemen Uebernachtens nnd guter Verpflegung in diesem Hause wesentlich erleichtert
und die wundervolle Gluckncrgruppe hiedurch auch weniger bevorzngten Naturfreunden zugänglich gemacht, als dies
ehedem der Fall war, wo diese Touren nnr mit ungemeinen körperlichen Anstrengungeil nnd bedeutenden Kosten
nnternunlmen werden konnten.
Die größte Anziehungskraft auf den Alpcnfreund übt natürlich die Besteigung des Großglockncrs selbst. Aber
so wie andere Expeditionen dieser Art umgab auch diese das Vorurtheil grußer Gefahr und Schwierigkeit, bis in
den letzten Jahren vielfache Besteigungen auch von minder geübten Bergsteigern alisgeführt wurden; doch ist dieselbe
auf der tirolischcn Seite von Knls aus immcrhi» leichter zu bewerkstelligen, als vom Möllthalc durch den Leitcr-
grabeil, daher die Glockncrfahrcr in neuerer Zeit zumeist Kals als Ausgangspunkt wähleil. — Die Aussicht von
der Spitze des Großgluckncrs, der nach den nenestcn Messungen die Höhe von ^?!).') Meter erreicht, umfaßt einen
Gesichtskreis von 30 Meilen im Halbmesser nnd ist besonders gegen Süden, wo man die Kette der Dolomite vom
Adainello bis zum Triglav und Grintouz überblickt, sehr interessant. Westwärts erreicht das Auge die Bcrninakcttc,
nordwärts schweift es über die baierische Ebene bis Rcgensburg, südöstlich bis zu den bosnischen Grenzgebirgen, doch
ist natürlich die Anssicht von der Beschaffenheit der Atmofphärc bedingt, die höchst selten den Genuß des vollstän-
digen Panorama's gewährt.
Der Grußglockncr und sein Gebiet haben eine ganze Literatur in's Leben gerufen. Zuerst wurden diese
abgelegenen Thäler Obcrkärntens durch den Botaniker Pater Wulfen aus Klagenfurt, der daselbst zwanzig unbekannte
Pflanzen fand, in weiteren Kreisen bekannt. Aber in ganz Deutschland berühmt wnrdc der Name Heiligenblut in
botanischer Hinsicht durch den ehrwürdigeil Hoppe, welcher durch mehr als fünfzig Jahre jeden Sommer in Heiligenblut
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918