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einer vor demWerksgebäude arrangiertenArbeitsszenerie in der Totalen: An lang
gereihten Tischbänken verrichten Frauen ihr „kriegswichtigen Tätigkeiten“. Über
einenSchwenk inderHalbtotalenbiszuhalbnahenEinstellungenwirdderArbeits-
vorgang immernäher indenFokusgerückt.SchließlichverbleibtmanbeiderGroß-
aufnahme, die Frauen werden in der Folge anonymisiert. Die Kamera schwenkt
über die eifrig arbeitenden Hände. Ein Arbeitsschritt folgt in akkurat rascher Ab-
folge dem nächsten. Eine rationell organisierte Herstellung der Handleucht-
RaketenundFriktionszünderwirdpräsentiert.DieArbeiterinnenstehenunter lauf-
ender Beobachtung – nicht allein durch die Kamera, vielmehr durch männliche
Kontrollorgane,diehinterdenFrauenaufundabgehen,prüfendüberderenSchul-
tern blicken. Selbst der von denArbeiterinnen geleistete Transport sowie das Ver-
und Abladen der verpacktenWaren am Firmengelände finden unter männlicher,
teilsmilitärischer,Obhutstatt.
DieBilder spiegeln realeMentalitätenwider. Trotz desdurchdenKriegbeding-
ten Ausfalls männlicher Arbeitskräfte weigerten sich die Unternehmer vorerst oft-
mals, Frauen in ihreDienste zunehmen.Selbst einErlass imOktober 1914,wonach
dieNachtarbeit fürFrauengebilligtwurde,wennkeineMännerdieTätigkeitverrich-
tenkonnten, führte zukeinemUmdenkenderFabrikanten.DerHauptgrund fürdie
Ablehnungweiblicher Arbeitskräfte war der Umstand, dass diese nicht dermilitä-
rischen Disziplin unterstanden. Die Aufnahmen aus der Munitionsfabrik Weiffen-
bach beweisen, dass der zunehmende Mangel an männlichem Personal das
Heranziehenweiblicher Mitarbeiter geradezu erzwang und dass auf andereWeise
eineffektvollesÜberwachungssysteminstalliertwerdenkonnte.316
Der hier bereits präsente Topos der Kontrolle findet auf anderer Ebene eine
Fortsetzung. DieQualitätsprüfung der Raketen auf ihre Brenndauer und Intensität
hin wird visuell wirkungsvoll umgesetzt. Das abgedunkelte Labor wird durch die
Probezündung in hellen Schein versetzt, leuchtender Dampf steigt empor, bevor
derRaumwieder inDunkelheitversinkt.
InderFolgekommteszurVorführungderFunktionsfähigkeitundzurDemons-
tration dermilitärischen Bedeutung derWaren im Feld. Szenerie im Schützengra-
ben (Amerikanische): Der Geschütz-Vormeister blickt auf die Uhr, hält einen
Moment inne und betätigt schließlich die Zündschnur. Er blickt kurz über die
Schanzmauer, gibt anschließend eineWeisung. Aufsicht auf den Schützengraben
(Totale): Nach einemMoment des Abwartens klettern die bewaffneten Soldaten-
trupps aus demSchutzwall und laufen über das Schlachtfeld. Zeitlich präzise und
gezielt organisiert stellt sichdasVorgehenander Front dar.Die Szenenvermitteln
316 InWien erhöhte sichderAnteil anweiblichenBeschäftigten von 31Prozent (1913) auf 53 Pro-
zent (1918). Über 50Prozent derArbeiter in denMunitionsfabrikenManfredWeiss undWöllerdorf
waren Frauen, im Rüstungsbetrieb Enzenfeld lag ihr Anteil bei 45 Prozent.Vgl. dazu: Hanisch,
Schatten,S. 206.Wegs,Robert J.:DieösterreichischeKriegswirtschaft 1914–1918,Wien1979,S.95 f.
5.3 „ZurDemonstrationökonomischerStärke“ 71
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur