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einen „realen“, dokumentarischen Charakter.317 Das Zündfeuer selbst ist nicht zu
sehen. Dochdas anschließende und abschließendeBild ergänzendiese Fehlstelle.
Für zwei Sekunden bleibt alles in Schwarz gehüllt. Plötzlich erheben sich
Leuchtfeuer: Per Stopptrick formieren sich die Lichtgeschosse zu dem Schriftzug
„Weiffenbach“. DieWirkungskraft der Raketen wird repräsentativ vorgeführt, der
Marken-undFirmennamezugleicheffektreichpräsentiert. Ein idealerPackshotder
frühenFilmgeschichte liegtvor.
Hinsichtlichder InhalteundderTonalität gestaltet sichWERDEGANGEINERSOLDA-
TENMONTUR. AUFGENOMMEN IN DEN SPINNEREIEN,WEBEREIEN UND MECHANISCHEN KONFEK-
TIONSFABRIKEN DER FIRMA WILHELM BECK UND SÖHNE abwechslungsreich. Zu Beginn
zentriert sich der Film um die Topoi Historie und Tradition. Die Tuchfabrikation
anno 1727 wird in Kupferstichen dokumentiert, die dauerhafte Erfahrung in der
Erzeugung und Behandlung von Stoffen ausführlich und etwas langwierig unter
Beweis gestellt. Sanft gestaltet sich der Übergang zur „Militär-Tuchfabrikation der
Jetztzeit“. IdyllischeAnsichteneinesMeierhofes inBudischau(Budišov,heuteTsche-
chien) lassendieheutigeProduktionals traditionsreicheFortsetzungdesVergange-
nenerscheinen.DaseinfacherustikaleLebenunddiebeschaulichenBildikonen (ein
kleinesBauernmädchenmiteinemLämmlein indenArmen,Landarbeiterinnenbeim
Scherender Schafe, Steppenmotivemit Ziehbrunnen) verweisen auf die bodenstän-
dige und naturverbundene Herkunft des Rohstoffs. Die nachfolgenden, von Robert
Reich gestalteten, Industrieaufnahmen sollenden technischenFortschritt der heim-
ischen Tuchherstellung bezeugen. Räderwerke, Motoren und Fließapparaturen in
totalen und nahen Einstellungen visualisieren einemoderne, aufMaschinen basie-
rende Produktionsweise. NochwerdenMitarbeiter gebraucht, um Spulen zuwech-
seln, Fäden zu spannen, Hebel zu bedienen, Stoffe richtig einzulegen oder mit
Spezialnäh- und Bügelgeräten das Tuchweiterzuverarbeiten. Auch in diesem Film
kehrtderToposderQualitätssicherungwieder.LaufendwerdenRohstoffe,Zwischen-
produkte und Stoffe durch (Fach-)Arbeiterinnen und -Arbeiter, im Monturdepot
schließlichauchvonhochrangigenMilitärs,geprüft.DieGüteunddenWertderUni-
formen unterstreicht letztlich auch das Schlussbild: Eine Lagerwache bezieht vor
demBekleidungsdepotStellung.
Der über 25Minuten dauernde Streifen zeigt nicht nurminutiös denHerstel-
lungsprozess einer Soldatenmontur (von derWollgewinnung bis zur Einlagerung
des Endprodukts), er bietet zudem interessante Einblicke in denArbeits- und La-
geralltag. Die FirmaWilhelm Beck und Söhne betreibt hier gezielte Imagepflege
und präsentiert sich als human agierendes Unternehmen, das Arbeiterfürsorge
317 EinGroßteil derAufnahmen imFeldwurdennachgestellt. Zudemachtetedie Zensurdarauf,
dass „allzu krasse oder grauenerweckende Szenen ebenso wir militärisch ungünstig wirkende
(z.B. zurücklaufendeLeute) sorgfältig entfernt“wurden.Vgl.: KA,AOK,KPQ,Ktn. 58, Filmstelle
1917,„KorrespondenzKPQ– 17.KorpskommandoApril/Mai 1917“,Nr. 1988, 1917.
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur