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werden. So sollte beispielsweise DIE ÖSTERREICHISCHE BLEISTIFTFABRIKATION (A 1927)
nicht nurdieErzeugungdiesesGebrauchsgegenstandsdarlegen, sondernauchauf
die Etablierung dieses Industriezweigs in Österreich hinweisen. Dies verdeutlicht
der fürdenUnterrichtvorgeseheneVortragstext zumFilm:„Erfreulich istdieTatsa-
che, dass es der Bleistiftindustrie seit einigen Jahren gelungen ist, auch in Öster-
reich festen Fuß zu fassen und sich dank der guten Qualität ihrer Erzeugnisse,
welche den ausländischen Konkurrenzfabrikanten in keiner Weise nachstehen,
immermehrundmehrdurchzusetzen.“DieLehrererhieltendenklarenAuftrag,die
Schulkinder dahingehend zu beeinflussen, „inländische Bleistifte“ zu verwenden:
„Eswäre zuwünschen, dass sich auch in unseremLandedas Prinzip derVerwen-
dung einheimischer Qualitätsware noch mehr durchsetzen würde. Nicht zuletzt
mussdarauf verwiesenwerden,dassbeiErhöhungderProduktionundEinstellung
einer größeren Zahl weiterer Arbeitskräfte mitgeholfen würde, der kolossalen Ar-
beitslosigkeit [entgegen] zu steuern.“ Trotz der „Anerkennung der guten Absicht“
lehntendieGutachterdieHervorhebungderProdukte einerbestimmtenFirma– in
diesemFalledieBleistiftfabrikationdesösterreichischenUnternehmensBrevillier&
Urban inGöstingbeiGraz–ab.Nacheiner Streichungder entsprechendenSzenen
standeiner„EmpfehlungdesFilms fürdieVerwendungandenunterenundoberen
KlassenderMittelschule“nichts imWege.411
Ähnlich verfuhr manmit dem Film LEBENDEWERKZEUGE (D 1936)412 der deut-
schen Leo-Werk Ges.m.b.H., der sich der Entwicklung der Zähne, dem „Kreislauf
der Nahrung“und schließlich der richtigen Zahnpflegewidmete. Die Vertreter der
KommissiondesUnterrichtsministeriumserklärtenzwar,dass siedasLaufbildvom
volkserzieherischen und gesundheitlichen Standpunkt aus begrüßten, jedoch den
offensichtlichen Reklamecharakter des Films nicht gutheißen konnten. Jeder Hin-
weis aufdie ZahnpastaChlorodonthätte zuentfallen, die Schilderungder Fabrika-
tionssequenz des Hygieneprodukts wäre erheblich zu kürzen. Die Leo-Werke
kamen dieser Vorgabe nach, womit LEBENDE WERKZEUGE als Lehrfilm zugelassen
undals für Schulvorführungen geeignet anerkanntwurde. DieHerstellerfirma ver-
liehdenzudemmitdemPrädikat„kulturellwertvoll“versehenenFilmkostenlosan
„Schulen, Vereine und sonstige Institutionen, die sichmit den Themen Volksbil-
dungundVolkshygiene“befassten.413
Eine analoge Argumentation brachteman angesichts eines Reklamefilms vor,
der damals (1934) als bislang „monumentalstes“ audiovisuelles Werbeprodukt
411 ÖStA,AVA,BMU,Film1927-, Fasz. 1718,Gschz. 37651-II/10b, 1931,Ggstd.: Brevillier u. Cound
A.Urbanu.Söhne,ÖsterreichischeBleistiftfabrikation,ZulassungdesFilms, Jänner/Februar1931.
412 LEBENDEWERKZEUGE (D1936),P:Ufa,R:HansF.Wilhelm.Vgl.:ÖStA,AVA,BMU,Volksbildung:
Film, 1937, Ktn. 499, Fasz. 479, Gschz. 12544-II/10b, 1937, Ggstd.: Lehrfilm „LebendeWerkzeuge“
(Ufa),AufführungdurchdieLeowerkGes.m.b.H.“,März/April 1937.
413 Ebd. sowie: ÖStA, AVA, BMU, Volksbildung: Film, 1937, Ktn. 499, Fasz. 479, Gschz. 5947-II
/10b, 1937,Ggstd.:Filmbegutachtung:„LebendeWerkzeuge“,Februar1937.
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur