Seite - 117 - in Der österreichische Werbefilm - Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
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dieHerkunft derWare, die imKreis tänzelnden Schillinge unterstreichen den pat-
riotisch richtigenKauf. EineVerhaltensänderunghat stattgefunden. EineVerände-
rungderAusgangssituationwird impliziert.
Die hier zu erreichendeZielgruppe ist jeneder Frauen. Sie tätigendie Einkäufe
undsollenzueinerbewusst„österreichischenWahl“animiertwerden.500Eine junge
Angestellte ist die zweite zentrale weibliche Figur, die im letzten Drittel des Films
auftritt. Sie profitiert bereits vom veränderten Kaufverhalten. Im Betrieb werden
Kündigungenaufgehoben, eswird sogarneues Personal eingestellt. DieMitarbeite-
rinbekommt ihrenLohnausgezahlt. IhreHeimattreue lässt sichbereits aneiner rot-
weiß-roten Masche an ihrem Kragen erkennen, die sie sofort wiedererkennbar
macht. Auf der Textebene wird die Leitlinie vorgegeben: „O Freude angestellt zu
sein!VomerstenGeldkauf ichgleichein–abernurösterreichischeWaren!“Wir fin-
denunsneuerlich imausdemerstenTeil bekanntenGroßgeschäftwieder. Diesmal
wähltdie jungeFrauProdukte„Made inAustria“,wieeineTafelausweist.DemZwi-
schentitel „Und richtigwieder ausgegeben, bringt er demLandeneues Leben!“ fol-
gen statt der Animation „reale“ Bilder, welche die Folgewirkung des moralisch
richtigenWarenerwerbs erlebbar machen sollen: Die strahlende Kundin hebt eine
Vielzahl an Paketen hoch, wiegt sich glücklich hin und her. Per Trick erscheinen
tanzendeSchillinge,welchedieösterreichischeVorzeigekonsumentinumkreisen.
Das Konsumerlebnis, das hier allerdings mit moralischen Inhalten gekoppelt
ist, verheißtMomentedesabsolutenGlückszustands. Ethischentkoppeltwirkt hin-
gegeneineSzene imMittelteildesFilms.HiermühtsicheinTischler inseinerWerk-
statt alltäglich ab. Seine kleine Tochter betritt den Arbeitsraum. Sie erwartet
Taschengeld. InGroßaufnahmewirdnundieReaktiondesMädchens eingefangen:
Siewendet denKopf ab, rollt verärgert die Augen,während dieHände des Vaters
im Sack nachMünzen suchen. Mit einemAchselzucken verlässt sie die Szenerie,
derMannstreicht ihrnochkurzüberdenKopf.ErblicktgenHimmel, schüttelt ver-
zweifelt den Kopf und gehtwieder ansWerk. Szenenwechsel: Der Handwerker ist
zum Kleinunternehmer geworden, drei Arbeiter sind unter seiner Aufsicht tätig.
WiederbetrittdasKinddenSchauplatz.EsnimmtsanftdenArmdesVaters, liebäu-
gelt mit ihm. Er reicht demMädchen sein Portemonnaie, sie blickt hoch, er nickt
bejahend. Sie zieht einenGeldschein ausder gefüllten Tasche, lächelt freudig und
danktdiesmalmiteinemKopfnickenundeinerUmarmung.BeseeltblicktderMann
derTochternachundseufzt.
500 Zudemwar das Kinopublikum ein vornehmlichweibliches. Ein Artikel des Jahres 1935 über
diedurchschnittlicheKinobesucherfrequenz inDeutschlandverweist etwadarauf,dasssichdasKi-
nopublikumzu rund70Prozent ausweiblichenundnur zu30Prozent ausmännlichenBesuchern
zusammensetzte. Siehe: Verkaufspraxis, „Streu- und Treffmöglichkeiten in der Kinowerbung“,
Nr. 8,Mai 1935, S. 486.Vgl. dazuauch:Bernold,Monika:Kino.Über einenhistorischenOrtweibli-
chen Vergnügens und dessen Bewertung durch die sozialdemokratische Partei. Wien 1918–1934,
Dipl.Wien1987,S. 15–19. 6.4 Kultur-undWerbefilm 117
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur