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8.2 Umbrüche:TechnischeNeuerungen,Monopole,
Kontingentierung,staatlicheVorgabenundAbhängigkeiten
Die inÖsterreichschaffendenLehr-,Propaganda-undWochenschaufilmerzeugerwendensich
in schwerster, wirtschaftlicher und gewerberechtlicher Bedrängnis an Sie, sehr geehrter Herr
Bundesminister, umSie zubitten, IhreAufmerksamkeit diesemZweigederWirtschaft zuwid-
menundihnvordemvollständigenRuinzubewahren.622
Mit diesemAppell anHandelsministerGuido Jakoncig begann 1932 eine vonöster-
reichischenKurzfilmproduzenten gemeinsammit der „WienerAllgemeinenGewer-
begenossenschaft“ initiierteAktion,die es zumZielhatte, dieExistenzderBranche
mit staatlicherUnterstützungzusichern.DieLagediesesFilmzweigshatte sichauf-
grundderDurchsetzung des Tonfilms prekär entwickelt. Der Großteil der Tonfilm-
patente lag bei internationalen Holdings. Der Erwerb einer ausländischen
Tonfilmapparatur schien den heimischen Kleinunternehmern unerschwinglich,
mussten doch mindestens 60.000 Reichsmark dafür aufgebracht werden. Somit
war es denHerstellernnurmöglich, bei der einzigenFirma, die inÖsterreichüber
einTonfilmpatentverfügte,Gerätschaftenzu leihen.
Dem vorausgegangen war ein jahrelanger Streit der österreichischen „Seleno-
phonLicht-undTonbildgesellschaftm.b.H“ (kurz„Selenophon“)mitdemdeutschen
Patentkonzern „Tobis-Klangfilm“. Letzterer hatte sich das Monopol für Tonfilmab-
spielapparaturenundAufnahmegeräte auf demmitteleuropäischenMarkt gesichert.
1932 kames schließlich zu einer Einigung:Die „Selenophon“durfte zwarnurmaxi-
mal drei bis vier Spielfilme auf ihren Anlagen herstellen, dafür konnte sie sich das
Monopol für die Kurzfilmproduktion in Österreich sichern.623 Demgemäß hatte die
„Selenophon“ Interessedaran, dieHerstellungunddenVertriebdieser Streifen auch
staatlichzufördern.MitderVerpflichtungderheimischenKinos,bei jederVorführung
österreichische Kurztonfilme zu spielen, war ein Ziel des Unternehmens erreicht.624
Sowohl dieWochenschau als auchdie Kultur- undPropagandafilme, die imAuftrag
des Amtes fürWirtschaftspropaganda desHandelsministeriums entstanden,wurden
mitdenTonapparaturender„Selenophon“erzeugt.625
DieMietkostenbeider„Selenophon“gestaltetensichdurchaushoch.Sowaren
füreinenTonfilmwagenperachtstündigemArbeitstag1.200Schillingzuentrichten.
622 ÖStA,AdR,BMHV, 581c, Ktn. 3483,Grz. 95604–9/33,Gschz. 97128–9/L/33,Ggstd.: Lehr-, Pro-
paganda- undWochenschaufilmerzeuger. Denkschrift betr. Belebungder heimischenKurztonfilm-
Industrie, 22. April 1933 sowie ebd. Grz. 92843–9/32, Gschz. 105.324–9/L/32, Ggstd.:Wünsche der
FilmerzeugerhinsichtlichFilmbeiratundFilmkontingentierung,21.Oktober 1932.
623 Heiß/Klimeš:KulturindustrieundPolitik,S.428.
624 VerordnungdesBMHV, 28.3.1934,BGBl.Nr. 206. SiehedazuauchdieAusführungen imKapi-
tel„Kultur-undWerbefilm“.
625 Heiß/Klimeš:KulturindustrieundPolitik,S.429.
140 8 DieWerbefilmproduzenten:Etablierung,Organisation,Einflusssphären
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur