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sehen,sieöffnet sich,einTaschentuchundeinParfümfläschchensinddarin imAn-
satz zuerkennen.Dazuerklingt eineaufgeregtemännlicheStimme,überdievisua-
lisierte Aktionen vorangetrieben und die Werbebotschaft verdeutlicht werden:
„Öffnen Sie sie bitte rasch und schauen Sie nach!“ Ein Notizbuch gleitet aus der
Tasche.DieStimmeausdemOffwird schneller, hetztnahezudahin, siewiederholt
mit Nachdruck die Forderungund verweist so auf dieDringlichkeit derNachricht:
„Ja, da ist Ihr Notizbuch. Nehmen Sie es rasch zur Hand und schreiben Sie bitte,
schreibenSie bitte . . . !“DasweiblicheKinopublikumwirddirekt indieKommuni-
kation einbezogen. Ausgehend von der Annahme, dass die weiblichen Zuschauer
eineHandtaschemit einigenUtensilienbeimKinobesuchmit sich tragen,wird ein
situationsbedingtes Verhaltensmuster vorgeführt.848 Off-Kommentar: „Haben Sie
keinen Bleistift? Dasmacht nichts ... “ Ein Lippenstift gleitet aus der Tasche. Off-
Stimme:„NehmenSiedenLippenstift zumSchreibenundnotierenSiebitte,notieren
Siebitte ... [Pause] ... etwas sehr Interessantes ... .“Währenddie letztenWortege-
dehnt und mit geheimnisvoller Intonation gesprochen werden, setzt beschwingte
Walzermusik ein.Off-Kommentar: „Gnädige Frau, die großeFrühjahrsmode ist ... “
Es folgt ein Zoomauf dasNotizbuch, dasBild verschwimmt (Schnitt). Auf nunwei-
ßem Hintergrund bewegt sich ein Lippenstift, der den Schriftzug „Der blonde
Strumpf“ formiert.DieOff-StimmewiederholtdieBotschaftaufauditiverEbene:„Der
blondeStrumpf -habenSie schonnotiert?DerblondeStrumpf vonPalmers!“Fanfa-
rentönesowiederwerbendeSchriftzugmitPalmers-SignetbeschließendenFilm.
DER BLONDE STRUMPF hat denAuftrag, Neugier beimweiblichenKinopublikumzu
erwecken.DeralterierteKlangderStimmeerzeugtunmittelbarAufmerksamkeit.Weib-
liche Accessoires richten sich an die Zielgruppe, die schließlich direkt aufgefordert
wird,aktivzuwerden,umsichgrundlegendWichtigeszunotieren. Immerwiederwird
der Appell erneuert, verdoppelt, womit der Aufruf nicht nur verstärkt wird, sondern
auch einwenig Zeit geschaffenwird, umdieAngesprochenen entsprechendhandeln
zu lassen. Sie habenZeit, umsich tatsächlich eineNotiz zumachen.Das Interesse ist
nun geweckt, doch nunwird die Auflösung kurz hinausgezögert, um die Spannung
nochmalseinwenigzuerhöhen.DieStimmewirdlangsamer,sanfter,bedächtiger,ein-
ladend.Walzerklänge lassendieanfänglicheHektik ineinWohlgefühlübergehen.Der
daran anschließende Zoomunterstreicht die Bedeutungdes nun „zuPapier Gebrach-
ten“–dasGeheimniswirdschlussendlichgelüftet.NeuerlichwirddieBotschaftvisuell
und akustisch vermittelt, auf der auditiven Ebene sogar neuerlich verdoppelt.
848 Diese„sozialenSkripte“gebenVerhaltensschablonenfürsozialeKonstellationenvorundveran-
kern kognitive situationsbedingte Verhaltensschemata, die abrufbar sind und zukünftige Konsum-
handlungenbeeinflussen sollen.Vgl. dazuu.a. Bless,Herbert/Schwarz,Norbert: Konzeptgesteuerte
Informationsverarbeitung, in:Frey,Dieter/Irle,Martin:TheorienderSozialpsychologie,BandIII:Mo-
tivations-, Selbst- und Informationsverarbeitungstheorien,Bern/Göttingen2002, S. 259.Abelson,Ro-
bertP.:PsychologicalStatusof theScriptConcept, in:AmericanPsychologist36, 1981/7,S.717.
198 8 DieWerbefilmproduzenten:Etablierung,Organisation,Einflusssphären
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur