Seite - 248 - in Der österreichische Werbefilm - Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
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ein Lokalkolorit erschaffen, das emotionale Bezüge zu den beworbenenWaren
undDienstleistungen herstellte und den potenziellen Käuferinnen und Kunden
vertrauteLebensweltendarbot.
Der bereits während des ErstenWeltkriegs für Propagandazwecke vielfach zum
Einsatz gekommene Trickfilm erlebte in den 1920er-Jahren einen Aufschwung. Vor
allem per Legetricktechnik und ab den 1930er-Jahren auch per „Disney-Kopismus“
wurden komplexe Vorgänge nicht nur vereinfacht und ansprechend dargeboten
(z. B. DERRADIO-AUTOMAT), auchmärchenhaft anmutendeWeltenwurden erschaffen,
welchediewundersameWirkungsweiseder feilgebotenenProduktemiteinemspeziel-
lenZauberversahen(DIEWUNDERNACHT).DieAnimationdienteaberauchderhumoris-
tischen Zuspitzung. Übertreibungen und Überzeichnungen, die bei der Darstellung
realer Personen auf Ablehnung stießen, wurden im Trickfilm akzeptiert. Der scharfe
Sarkasmus eines Peter Eng, der den „typischen Wiener“ abseits jedes leutseligen
Klischees skizzierteundeinenpessimistischen,NeuerungenundFremdemgegenüber
ablehnendenMisanthropenpräsentierte,wäre imRealwerbefilmdieserZeit tendenziell
aufWiderstandgestoßen (JA,WARUMFAHRNSDENNNET?).Auch finden sich indenAni-
mationsfilmen sexuell-erotische Anspielungen, die nur in der kindlich verspielten
Manier, die demTrickfilm anmutet,möglichwaren (z.B. EIN ORIENTALISCHESWUNDER;
DERSTIEFELPUTZERALSLIEBESAMOR).
EinigeFragenmüssenaufgrundderQuellenlageoffenbleiben. So ist dieMenge
der inÖsterreichproduziertenWerbefilmenicht zueruieren.Daraus folgend ist auch
eine exakte Zuordnung dieser Streifen zuwerbenden Branchen bzw. Konsumgüter-
gruppennicht leistbar.UmderartigeDatenannähernd fassbar zumachen,wäre ein
finanziertes, vieljähriges und (hinsichtlich der Periode bis 1918 sogar) europäisches
Forschungsprojekt vonnöten. Angesichts der ermittelten Informationen über sechs
Kurzfilmproduzenten lässt sich aber eindeutig eine Verkürzung der Laufzeiten der
Werbefilmeausmachen.1935/36hattesichdemnachderkurzeReklamefilmmiteiner
LaufzeitvonbiszuvierMinutenklardurchgesetzt.
Geworbenwurde für Konsumgüter des täglichenBedarfs (Reinigungsmittel, Be-
kleidung, Nahrungsmittel), aber auch für Dienstleistungen undGüter, die in Zeiten
der ökonomischen Krise nur für wenige Menschen erschwinglich waren (Reisen,
Elektrogeräte, Aufwertung desWohnraums). Die vonRainer Gries vertretene These,
wonach bereits in der Zwischenkriegszeit ein „Demokratisierungsprozess des Kon-
sums“einsetzte,derwenigeralseine„DemokratisierungdesrealenKaufvermögens“,
sondernmehr als eine „Demokratisierung der Produktwahrnehmung“ zu verstehen
ist,1047 kann bezüglich des Reklamefilmschaffens in Österreich bestätigt werden.
Auchüber denösterreichischenWerbefilmwurdenKonsumwunschträumegeweckt,
diesicherst imZugedesWirtschaftswundersder1950er-JahrefüreinebreiteBevölke-
rungsschichtnachundnacherfüllensollten.
1047 Gries,Produkte&Politik,S.65.
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur