Seite - 206 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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schaftliche Fakultät mit 3.188 ordentlichen Hörerinnen und Hörern ihren
Höchststand an Studierenden erreicht; in den darauffolgenden Semestern
wirkten sich einerseits die schlechte Wirtschaftslage andererseits die neuen
Grenzziehungenund somitDevisenvorschriften sowie nicht zuletzt die Grün-
dung von Universitäten in den Nachfolgestaaten der Monarchie in einem
Rückgangder Studierendenzahlen aus.Viele kamenzumStudiumnichtmehr
nachWien, sondern studierten nunmehr zuhause anden 1919 neu eingerich-
teten Hochschulen wie zum Beispiel an der Comenius-Universität Pressburg
[Bratislava], derMasaryk-Universität Brünn [Brno] oder der Universität von
Laibach [Ljubljana].Nachdemdie Fakultät vor allemaufgrundderdeutlichen
Zunahme vonweiblichen Studierenden imWintersemester 1930/31mit 3.176
ordentlichenHörerinnenundHörernbeinahe an ihrenHöchststand anschlie-
ßenhattekönnen, folgte indennächstenSemesternzunächstwiedereinkleiner
Einbruch. Dieser lässt sich neben derWirtschaftskrise vor allem aus der Ein-
führung des Doktorats der Handelswissenschaften an der Hochschule für
Welthandel im Juli 193082 und der dadurch hergestellten teilweisen Konkur-
renzsituation für das Studiumder Staatswissenschaften herleiten. ImWinter-
semester 1932/33 konnte die Fakultätmit 3.144 ordentlichenHörerinnen und
Hörern wieder annähernd ihren ehemaligen Höchststand erreichen; forthin
nahmdieHörerzahl jedochstetig ab (vgl.Tabelle 2).
DerFrequenzrückgangabdemSommersemester 1933 ist hauptsächlichmit
denFolgenderWeltwirtschaftskrise zubegründen.1934 erreichtedieMassen-
arbeitslosigkeit inÖsterreich mit etwa 770.000 Menschen (das waren rund
39Prozent der unselbständig Erwerbstätigen einschließlich der bereits seit
Jahren »Ausgesteuerten«) ihrenHöhepunkt, was auch auf einige Studierende
rückwirkte, die zur Finanzierung ihres Studiums einer Erwerbstätigkeit nach-
gehenmussten.PaulNeurathberichtetüberseineStudienzeitanderRechts-und
StaatswissenschaftlichenFakultät Anfangder 1930er Jahre: »Ichhattemich in
derZwischenzeit […]auf eigene Faust durchgeschlagen, ein Jahr alsHandels-
angestellter und danach mit allerlei Gelegenheitsarbeit von Bücher für eine
Leihbibliothek und Zuckerln für einen kleinen Zuckerlerzeuger austragen bis
Plakate ankleben und verteilen vonÄrztekalendern für eine pharmazeutische
Firma…«83.
Die reichsdeutschenStudent/inn/en inWien littenzusätzlichnochunterder
»1000Mark-Sperre«.Mit demGesetzüber die Beschränkung derReisennach
derRepublikÖsterreichvom29.Mai193384musstendeutscheStaatsangehörige
82 Vgl.BGBl234/1930. –AnderHochschule fürWelthandelmachtenAusländer zu jenerZeit
knappdieHälfte der Studierendenaus, z.B.WS1930/31: 42,2%, SS1931: 44,2%.DieAn-
gaben stammen aus den Statistischen Nachrichten, Statistik Austria, Signatur C 00045/L.
83 Neurath,OttoNeurath226.
84 RGBl57/1933.
DasStudiumderStaatswissenschaften206
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik