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2. WiemaneineDissertationverfasst
EinenEinblick inThemen-undBetreuerfindung sowie (technische)Ausarbei-
tung einer staatswissenschaftlichenDissertation bis zu ihrer Einreichung und
Defensio geben die Erinnerungen vonHugo Huppert: Huppert (1902–1982)
entstammteeinerBeamtenfamilieausBielitzinSchlesien(heuteBielsko-Białain
Polen),wandte sich frühdemMarxismus zuundwar1920 zumStudiumnach
Wien gezogen. Da er politisch interessiert war, inskribierte er alsbald für das
Doktoratsstudium der Staatswissenschaften: »[J]etzt möcht ich endlich ›Das
Kapital‹ lesen, die conditio humana der Bourgeoisgesellschaft begreifen, die
VerwaltungdesBürgerglücksaufdecken,densozialenStellungskriegerkennen,
dessen Bagatellisierung unsere größte Sünde war«116. Huppert belegte unter
anderem die Vorlesungen von Adler, Grünberg, Mayer, Spann, Wieser und
WlassakundwarnachweislichvondermangelndensoziologischenAusbildung,
die an der Universität nur in der geisteswissenschaftlichen Richtung Othmar
Spannsgelehrtwurde,enttäuscht.SeineWahlfürdieDissertationsbetreuungfiel
schließlich aufHansKelsen: »Ichwählte einpackendesThema, dessenumfas-
sendedialektischeGrößenordnungmirdasAusbreitenmarxistischerGedanken
soziologischer, rechtstheoretischerundstaatspolitischerNaturzuermöglichen
schien […]DieDissertation sollte heißen: ›DasMajoritätsprinzip inderKlas-
sengesellschaft‹ und sollte denWiderspruch zwischenbürgerlicher und sozia-
listischer Demokratie anhand einer detaillierten Geschichtsstudie begrifflich
entwickeln.Kelsen […] akzeptierte diesemeine Stoffwahl, nicht ohne anfäng-
licheSkepsis.Erwarweit entferntvonmarxistischemIdeengut […]Erwusste,
dass ichseineAnsichtennicht teilte[…]dochseineGefühle fürmichalsseinen
kritisch-abspenstigenSchülerwaren freundschaftlich«117. KelsenwurdeHupp-
ertsDoktorvater,nahmihninseinenMittwochskreis,die»Jausenstunde«inder
Privatwohnung inderWickenburggasse, aufundregte zumBeispiel dieÄnde-
rungdesArbeitstitels inDasMajoritätsprinzipunddieKlassengesellschaftan118.
DerUntertitel lautete:EinBeitrag zur soziologischenund juristischenBegriffs-
bildungüber sozialeDifferenzierungs-und Integrationsprozesse.
HugoHuppert verbrachte denWinter 1923/24mit derNiederschrift seiner
Gedanken: »In gabelsbergischer Kurzschrift warf ich Kapitel umKapitel der
Doktorschrift aufs Papier, saß tagsüber […] imgroßenLesesaal derUniversi-
tätsbibliothek […]NachderMahlzeit inderD’Orsay-Mensazog ichmich […]
gern wieder ins Staatswissenschaftliche Seminar Professor Grünbergs zu-
116 Huppert,DieangelehnteTür 392.
117 Huppert,DieangelehnteTür 445.
118 Vgl. UAW, Staatswissenschaftliche Dissertationen, L 437; Promotionsprotokoll für das
DoktoratderStaatswissenschaften,Bd.1, Sign.M37.1,Nr. 209.
StaatswissenschaftlicheDissertationen 219
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik