Seite - 223 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
Bild der Seite - 223 -
Text der Seite - 223 -
Gina Pokart: DieVerfassungen Polens in ihremZusammenhangmit seiner sozialen
Schichtung (1927)
ElisabethSchilder: SozialistischeSteuerpolitik (1930)
Friedrich Setz: Die soziologische und sozialökonomischeKritik des Klassenbegriffs
(1929)
Anhand jener Doktorarbeitenwird deutlich, dass Soziologie (und Politikwis-
senschaft) inden1920er Jahren inÖsterreichnochkeineakademischenDiszi-
plinenwaren.DiesbestätigennichtnurdiedenMethodenteilderDissertationen
betreffenden Unzulänglichkeiten, sondern eben auch der hohe Anteil an
Schrifttum,das sich zudieserZeitmit erkenntnistheoretischenundmethodo-
logischen Fragen befasste, sowie die (letztlich erfolglosen) Bemühungen um
Institutionalisierung der soziologischen Forschung und Lehre an der Univer-
sität,wie sie zumBeispiel dieWienerSoziologischeGesellschaft verfolgte124.
Schließlich zeigen sich an denDissertationen die weltanschaulichen Zerk-
lüftungen jener Jahre, denn die methodologischen Kontroversen waren un-
trennbarmitdenparteipolitischenAuseinandersetzungenderErstenRepublik
verbunden. Nach Klaus Lichtblau konnte »[d]ie Wahl eines entsprechenden
methodologischenAnsatzes[…]somitalsAusdruckeines›Klassenkampfes‹ im
BereichderTheoriegedeutetwerden,derideologiekritischzuentlarvenwar«125.
Derliberalbismarxistischgeprägten,empirischarbeitendenundhauptsächlich
extramuralangesiedeltenSozialwissenschaftstanddieuniversitärsystemisierte,
historisch-geisteswissenschaftlich arbeitende Gesellschaftslehre eines Othmar
Spannund dessenKollegen- undAnhängerschaft gegenüber. Undwas an der
kleinenWeltderUniversität seineProbehielt, vollzogsichwenigspäteraufder
großenBühnederösterreichischenPolitikdesAustrofaschismusund letztlich
Nationalsozialismus126: GingennachderNovellierungvon1926die Studieren-
den-undAbsolventenzahlenohnehinzurück,sankgegenEndeder1920erJahre
auch die Zahl der sozialwissenschaftlich orientierten Dissertationen. Für die
Staatswissenschaften der 1930er Jahre kann daher ohneÜbertreibung gesagt
werden, dass hauptsächlich Abhandlungen verfasst wurden, die sich gesell-
schaftswissenschaftlichmit völkischen, ab 1934 christlich-vaterländischen, ab
1938 schließlichnationalsozialistischenThemenbefassten, zumBeispiel:
Peter Berns: Die Gesellschafts- undWirtschaftsauffassung beiMartin Luther (1934)
EberhardBirnbacher: Persönlichkeit undGemeinschaft bei Fichte undHegel (1937)
124 Zur ähnlich verlaufenden Entwicklung in Deutschland siehe Stölting, Akademische
Soziologie.
125 Lichtblau,Krise alsDauerzustand?19.
126 DazunäherEhs,Vertreibung indrei Schritten, sowieEhs, ExtramuralesExil.
StaatswissenschaftlicheDissertationen 223
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik