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ter/innenhatten sichmit ihrenDissertationenaufpolitikwissenschaftlichesTer-
raingewagtundbegonnen,diemethodischenGrundlagen ihrerDisziplinzuer-
arbeiten, als viele von ihnenÖsterreich inden1930ernverlassenmusstenoder
später vondenNationalsozialist/inn/enermordetwurden.
In der BundesrepublikDeutschland gibt es seit geraumer Zeit Ansätze, die
vorherrschendeDisziplingeschichtsschreibungvonderPolitikwissenschaft als
Kind des demokratischenWiederaufbaus nach 1945 zu dekonstruieren und
stattdessen vermehrt auch in den Jahren derWeimarer Republik eine bedeu-
tende Vorreiterrolle für die Entwicklung der modernen Politikwissenschaft
auszumachen141; inÖsterreich ist dies bislangweitgehendunterblieben.Doch
dieses Kapitel soll jene frühenWiener Ansätze der Politikwissenschaft in Er-
innerung rufen, die von Lehrenden und Studierenden der Rechts- und Staat-
wissenschaftlichen Fakultät inner- sowie vorwiegend außeruniversitär entwi-
ckeltwurden.Nicht zuletzt die Etablierungdes StaatswissenschaftlichenDok-
torateswirdunter der Fragestellung eines institutionellenVorläufers der Poli-
tikwissenschaft zuuntersuchensein.
2. Wissenschaft vonderPolitik /Wissenschaftspolitik
Der erste institutionelle Nachweis einer österreichischen Politikwissenschaft
findet sich im Jahre 1763, als an der Philosophischen Fakultät derUniversität
Wien die Lehrkanzel für Polizey- und Kameralwissenschaften geschaffen und
Josef Sonnenfelsübertragenwurde, umfürdiewachsendenStaatsaufgaben fä-
higeUntertanen auszubilden –nachdemPrinzipderNationalerziehungdem-
nach eine »Pflanzschule für den österreichischen Staatsdienst«.142Der Begriff
Polizey entsprachnichtdemheutigen, enggefasstengängigenPolizeiverständ-
nis, sondern beschrieb allgemein die öffentlicheVerwaltung und geht auf die
griechischepoliteia, alsodenStaat zurück. Somit ist inSonnenfels’ Lehrkanzel
nicht nur der enge Zusammenhang von Polizei und Politik hinsichtlich der
EntwicklungdesmodernenStaates zu erkennen, sondern auch schondieTra-
ditionslinie vonderPolizey- zurPolitikwissenschaft143.
Das österreichische Spezifikum, mit dem im 20. Jahrhundert sowohl das
Doktorat der Staatswissenschaften als auch eine nach Eigenständigkeit stre-
bende Disziplin Soziologie und nicht zuletzt die Entwicklung der Politikwis-
141 ZumBeispiel:Nickel, PolitikundPolitikwissenschaft, sowieGangl,DasPolitische. – In
DeutschlandwurdeeineWissenschaft vonderPolitikbereits inden1920ern inAnsätzen
institutionalisiert, allerdings außeruniversitär, nämlichmit derDeutschenHochschule für
Politik inBerlin (dazukritischLehnert, PolitikalsWissenschaft).
142 Vgl.Reiter-Zatloukal, JuristInnenausbildung5.
143 Vgl. zurEtymologieauchKnemeyer, Polizei.
DasStudiumderStaatswissenschaften228
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik