Seite - 235 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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mithilfe von empirischer Forschung Datenmaterial über und für politische
Entscheidungenzusammeln (z.B.derKreisumLudwigMises).
WasanderUniversitätkeinenPlatzeinnehmendurfte,wurdeaußerhalbder
Mauernerarbeitet,zumBeispiel inprivatenGesellschaften,Vereinenoderinder
Wiener Volksbildung; dort vorrangig am Volksheim, das schon eine Staats-
wissenschaftlicheFachgruppekannte, langebevorsichdieStaatswissenschaften
als eigenes Studium durchsetzen konnten. Während die Einführung des
staatswissenschaftlichenDoktorats trotz intensiver Studienreformdebattenbis
zurRepublik verhindertwurde und selbst dannkaumkritisch-wissenschaftli-
ches Potential entfalten konnte, befassteman sich amVolksheim inOttakring
schon längst nochvordemErstenWeltkriegmit sozialwissenschaftlichenFra-
gestellungen: Im Oktober 1905 war die Staatswissenschaftliche Fachgruppe
gegründet worden und unterstand jahrelang der Leitung desÖkonomie- und
StatistikprofessorsWalterSchiff.Aufdienichtexistente sozialwissenschaftliche
Ausbildung anderUniversität reagierte Schiffmit einerVermehrung des ent-
sprechenden Angebots im Fachgruppenbetrieb. Ihmwar allerdings bewusst,
dass man den Sozialwissenschaften den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit
beziehungsweise der mangelnden Objektivität entgegenbrachte. Umso mehr
war er darauf bedacht, in der Staatswissenschaftlichen Fachgruppe auchVer-
treter/innen anderer politischer und wissenschaftlicher Positionen zu Wort
kommenzulassen. 1923verlautbarteSchiffdaher inderArbeiter-Zeitung:»Die
anregende und reibungslose Zusammenarbeit vonDozenten undHörern, so-
wohlbeiden›Uebungen‹alsauchandenFachgruppenabenden,beweist,dasses
hier gelungen ist, einer großenGefahr zu entgehen, die allen derartigen sozi-
alwissenschaftlichen Kursen droht: der Gefahr, einseitiger, parteipolitischer
Orientierungnach irgendeinerRichtung. In derTat ist es auf keinemanderen
Gebietsoschwer,wieaufdiesem,volleObjektivitätzubewahren.Dassdiesesim
Volksheimgeschieht, dafür bietet sowohl die LeitungdesVolksheims als auch
die Personen volle Gewähr, denen die Abhaltung der sozialwissenschaftlichen
Kurseanvertraut ist«163.
Tatsächlich lehrten in der Staatswissenschaftlichen FachgruppenebenMax
Adler zahlreiche Rechts- und Staatswissenschafter, die nicht demAustromar-
xismus zuzurechnenwaren, unter anderem Stefan Braßloff, Friedrich August
Hayek, FritzMachlup undErichVoegelin, die sich in Theorie (Vorträge, Dis-
kussionen, Lektürekurse) undPraxis (Exkursionen, zumBeispiel in denWie-
nerwald zum Studium der Saisonarbeit und der politisch motivierten Sied-
lungsbewegung) rechts-, sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fragestel-
lungenannahmen164.
163 Schiff, SozialwissenschaftlicheKurse, in:Arbeiter-Zeitungvom7.10. 1923.
164 Dazunäherunten729ff. sowiebeiFilla,Wissenschaft für alle.
ErstesAddendum:DieAnfängederPolitikwissenschaft 235
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik