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Obwohl ElisabethBerger die Eigenständigkeit der Staatswissenschaften be-
reits mit 1899 ansetzt165, als Edmund Bernatzik und Eugen von Philippovich
begannen,dieReiheWienerStaatswissenschaftlicheStudienherauszugeben, ist
dochfestzuhalten,dassdieseReihehauptsächlichalsPublikationsorganfürdie
akademischenAbschlussarbeiten jenes Fakultätsnachwuchses ins Leben geru-
fenwurde,derinkeineranderenösterreichischenSchriftenreiheveröffentlichen
konnte,weilersichnichtmitimengerenSinnrechtswissenschaftlichen,sondern
mit nationalökonomischen iSv sozialwissenschaftlichen Fragen befasste166.
Methodologie und die Entwicklung der Staatswissenschaft als (sozialwissen-
schaftliche) Disziplin wurden dabei aber kaum reflektiert. Dies konnten die
jungenAbsolvent/inn/enwohl auch gar nicht leisten, weil sie an der Fakultät
methodologisch keineswegs ausgebildet wordenwaren. Denn dort fanden die
außeruniversitärsowievorallemimAuslandschonlängstgeführtenDebatten167
über Inhalt undMethodik einer Staats- als Gesellschaftswissenschaft nur ein-
geschränktWiderhall.WährendesindenUSAnebendenLawSchools,dieeinzig
zurAusbildungangehenderRechtspraktiker/inneneingesetzt sind, schonEnde
des19. Jahrhunderts selbständigeSocial andPolitical ScienceDepartments für
wissenschaftliche Forschung gab168, waren die österreichischen Staatswissen-
schaften auchmit der Einführung des Doktoratsstudiums an der Juridischen
Fakultät verbliebenundnichtnurdeshalb in ihrereigenständigenEntwicklung
(insbesondere in derAusrichtung als empiriegeleitete Sozialwissenschaft) be-
schränkt.
DieseGeschichte entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wennmanbedenkt,
dass es zur Jahrhundertwende gerade die staatswissenschaftlichen Fächer des
Rechtsstudiums gewesen waren, die die Curricula der frühen US-amerikani-
schenPoliticalScienceDepartmentsgeprägthatten.DenndieAllgemeineStaats
(rechts)lehre Deutschlands undÖsterreichs war stets politikwissenschaftlich
165 Vgl.Berger, Staatswissenschaften211.
166 Beispielsweise finden sich hier die akademischen Abschlussarbeiten von E. Adler,
Handwerk; Nawiasky, Frauen;Mises, Gutsherrlich-bäuerlicheVerhältnisse inGalizien;
M.Adler,Gewerbepolitik.
167 Diewichtigste deutschsprachige sozialwissenschaftliche Zeitschrift war das von 1904 bis
1933u.a.vonEdgar Jaff¦,EmilLederer,WernerSombartundMaxWeberherausgegebene
HeidelbergerArchiv für SozialwissenschaftundSozialpolitik (NachfolgerindesArchiv für
sozialeGesetzgebungundStatistik[1888–1903]undderMonatsschriftfürSoziologie).Dort
publizierten auch zahlreiche Absolventen der Wiener Fakultät (Kelsen, Menzel, Mises,
Schumpeter, Zeisl etc.) und reflektierten in ihrenBeiträgenMethodenund Inhalte einer
»DisziplinSoziologie«.
168 Als ältestes Institut gilt die 1880 gegründete School of Political Science an der Columbia
University. 1903 folgte die Gründung der American Political Science Association; das
österreichischePendant,dieÖGPW,besteht erst seit 1970.
DasStudiumderStaatswissenschaften236
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik