Seite - 238 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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›DieArbeitslosenvonMarienthal‹ vonLazarsfeld, JahodaundZeisel.Dawußte
ichdannschonetwasbesser,was ichwirklichwollte:Studienwiediesemachen
können. Zwar setzte ich mein Jus-Studium weiter fort, aber den Gedanken,
schließlichdochnochSoziologiezustudieren,wennauchgewißnicht jenevon
OthmarSpann,gabichdarumnichtauf[…]KurznachmeinerPromotionzum
Dr.jur. imDezember1937[…]machtemirimMärz1938dieWeltgeschichteden
berühmtenStrichdurchdieRechnung.MeinVaterhatte zumindestmit seiner
pragmatischenArgumentationrechtbehalten:hätteichmichvonAnfanganauf
denDr.rer.pol.verlegt, sowäre ichumdieseZeitwahrscheinlichnochmitten in
derDissertationgesteckt.EswarabergeradedieFormalitätdesabgeschlossenen
Doktorates,wasmirdann inAmerika ermöglichte, dasDoktorat in Soziologie
[…]zumachen.«172
Die Abneigung gegen die universitär systemisierte, rein geisteswissen-
schaftliche Soziologie hatte PaulNeurath nicht nur in den SpannschenVorle-
sungenerworben, sondernbereitsdurchseinenVater,denNationalökonomen,
SoziologenundPhilosophenOttoNeurath,vermitteltbekommen.OttoNeurath
warMitglied desWienerKreises, Leiter desGesellschafts- undWirtschaftsmu-
seumundgilt (gemeinsammitGerdArntz) als SchöpferderBildstatistik (Iso-
type)173.EinesseinerHauptwerke,EmpirischeSoziologie (1931),widmeteerder
Forderung nach einer empirischen, metaphysikfreien Sozialwissenschaft, in-
demer unter Anführung von Sombart, Spann etc. den »Kontakt der moder-
nendeutschen Universitätssoziologie mit der Theologie deutlich sichtbar«174
machte. Eindringlichwird dieser Kontakt v.a. in Spanns StudienbuchGesell-
schaftslehre(1923),worinernacheinerkurzenBeschreibungder»notwendigen
Erfolglosigkeit jeder empiristischen Gesellschaftslehre« (»Das Nibelungenlied
versteht man nicht durch Induktion an den Buchstaben, sondern aus dem
Ganzen heraus!«)175 eine universalistisch-metaphysische Gesellschaftslehre
entwirft: »Wirdürfen indenGeisteswissenschaftenvor jenemBegriffe der In-
nerlichkeit nicht zurückschrecken, den der Sachgehalt erfordert, undmüssen
uns wiedermehr demmittelalterlichen Begriff derWissenschaft nähern, den
Notker der Deutsche vor fast tausend Jahren dahin aussprach: ›Sie ist aber
verborgen imGeheimen,wie alleWissenschaft, d.h. im innernHerzen‹.«176
WomittelalterlicheWissenschaft gefordert war, hatte moderne Sozialwis-
172 Neurath,OttoNeurath, 224 ff.;Neurath erreichtedieUSA imSommer1941undsuchte
umgehendPaul Lazarsfeld an der ColumbiaUniversity auf, der ihmeinen Job in dessen
Office ofRadioResearch anbot. ZeitgleichbegannNeurathdas Soziologiestudiumander
Columbia.
173 Vgl.Nemeth,OttoNeurath.
174 Neurath, Schriften458.
175 Spann,Gesellschaftslehre46.
176 Ebd.VII.
DasStudiumderStaatswissenschaften238
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik