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undGelegenheit für seinewissenschaftlicheArbeit207, die unter anderem eine
maßgebende Methodenlehre der Sozialwissenschaften (1936) hervorbrachte.
DasEndederHabsburgerMonarchiehattedasBerufungskarussellzwischenden
Universitäten zum Stillstand gebracht,208 sodass auchWiener Nachwuchswis-
senschafter/innen nicht mehr, wie zuvor üblich, einige Zeit an anderen Uni-
versitätsstandorten verbrachten, bevor sie als Professoren an die AlmaMater
Rudolphinazurückkehrten. Inden1920erngabesdaher zuweniguniversitäre
Stellen,umsämtlichejungeWissenschafter/innenzubeschäftigenundJüdinnen
undJudenkamendafüraufgrunddesHochschulantisemitismusschongarnicht
inFrage209, weswegenFelixKaufmannseinen sozialwissenschaftlichen Interes-
senundTalenten erst imExil, anderNewSchool for Social Research210 inNew
Yorkberuflichnachgehenkonnte,woersein inWienverfasstesBucherweiterte
und1944 inderenglischenFassungalsMethodologyof theSocial Sciencesver-
öffentlichte. Ähnlich erging es Alfred Schütz (JDr. 1921), der heute als Be-
gründerder phänomenologischenSoziologie gilt.Während seinerWienerZeit
musste er selbst auf dieHabilitationverzichten, verdiente seinenLebensunter-
halt als SekretärdesWienerBankvereinsundRechtsberater fürdiePrivatbank
Reitler&CoundkonnteebensoerstindenUSAsozialwissenschaftlicharbeiten.
DassKaufmann, Schütz undunzählige andere unter diesenWiener univer-
sitärenUmständenüberhauptwissenschaftlichtätigseinundfürdenFortschritt
der Sozial- und letztlich Politikwissenschaft wegweisende Werke erarbeiten
konnten, lässt sichmit Fleck als »Paradox des Erfolgs unter widrigen Bedin-
gungen«211 beschreiben. Denn dieUniversität selbst hatte die KarrierenKauf-
manns,MorgensternsoderVoegelinskaumaufdenWeggebracht; Sozial-und
Politikwissenschafter/in wurdeman nicht an der Universität, sondern in der
aktivenTeilnahmeamregenVereinsleben, in denPrivatseminarenund insbe-
sondere, wennman das Glück hatte, von der Rockefeller Foundation für ein
postgradualesAuslandsstudiumausgewähltwordenzusein: »Ichwareinerder
erstenStipendiatenund, soweit ichweiß, der erste ausÖsterreich.DasStipen-
diumwurdedrei Jahregewährt.Daserste Jahrstudierte ich inNewYorkander
Columbia University. Das erste Semester des zweiten Jahres ging ich nach
Harvardunddas folgendeSemesternachWisconsin.Dasdritte Jahrverbrachte
207 UmdieserDoppelbelastungHerrzuwerden,nahmKaufmanndiewissenschaftlicheArbeit
regelmäßigumvierUhr frühaufunddiktiertedieSchriftenseinerFrau(vgl.Zilian,Felix
Kaufmann10); zuKaufmannsAußenseiterstellungsieheauchEhs, ExtramuralesExil.
208 EineAusnahmebildetedieDeutscheUniversitätPrag,wohinbes.die JuristendesKelsen-
Kreises durch Kelsens Freund- und Kollegenschaft mit Frantisˇek Weyr Verbindungen
hielten.
209 KaufmannsNamestandschon frühauf antisemitischenProskriptionslisten.
210 ZurNewSchool siehez.B.Krohn,Wissenschaft imExil.
211 Fleck,AlfredSchütz 98.
DasStudiumderStaatswissenschaften250
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik