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rechtsschulen,dieparallel zuderv.a.vonKarlBinding391 inLeipzigvertretenen
»klassischenSchule«deutschsprachigeUniversitätenbeherrschten.Binding,der
ein starkes Interesse an historischen Arbeiten hatte, war ein Verfechter der
Vergeltungsstrafe:»er[fand]denSinnderStrafeinderethischenVergeltungfür
die schuldhaft begangene Tat […] und [verteidigte] diesen Sühnegedanken
energischgegendieIdeen[…],die inderStrafewesentlicheineMaßnahmedes
sozialenSchutzes erblickten«.392AlsGegenströmungvertratdiemoderneoder
auch soziologische Schule393 Franz v. Liszts die Idee von der Zweck- oder Si-
cherungsstrafe und setzte auf Spezialprävention. Merkel vertrat eine »dritte
Schule«,dieeinen»‹Friedensvertrag‹ zwischendensichbefehdendenTheorien
angebahnt [hatte], der darauf hinausläuft, daß an der Vergeltungsstrafe fest-
gehalten,dendurchsieabernichtbefriedigtenInteressenderSpezialprävention
danebendurchbesonderenMaßregelnderBesserungundSicherungRechnung
getragenwird.«394
2. DieProfessorenundDozenten1918–1938
a) Allgemeines
DieLehrkanzel fürStraf-undStrafprozessrechtbekleideten imWintersemester
1918 die beiden ordentlichen Professoren Carl Stooss undWenzeslaus Glei-
spach. Bis zurGründungdesUniversitätsinstituts für die gesamte Strafrechts-
wissenschaft undKriminalistik 1922 gab es ein strafrechtliches Seminar. Carl
Stoossging1921 indenRuhestand, als einzigerOrdinarius für Strafrechtblieb
Gleispach zurück. Nach seiner vorzeitigenVersetzung in denRuhestand 1933
musste die Lehrkanzel nachbesetztwerden–dasProfessorenkollegiumschlug
»primoetaequolocodenord.Prof.derRechts-undStaatswissenschaftenander
Univ. inInnsbruckDrTheodorRittlerunddentit.a.o.Univ.Prof.Sektionschef
imB.M.f.JustizDrFerdinandKadecˇka,secundolocodenaußerod.Professoran
derDeutschenUniv. in PragDr Edgar Foltin« vor.395 ImOktober 1934wurde
391 KarlBinding (4. 6. 1841–7.4. 1920), vglHeinrichTriepel, Binding,Karl LudwigLorenz,
in:NDBII(Berlin1955)244 f.;Schmidt,GeschichtederdeutschenStrafrechtspflege293–
299.
392 HeinrichTriepel, Binding,KarlLudwigLorenz, in:NDBII (Berlin1955)245.
393 Vgl.Bellmann,InternationaleKriminalistischeVereinigung17–21;Schmidt,Geschichte
derdeutschenStrafrechtspflege355–381.
394 Rittler, Österreichisches Strafrecht 13. Rittler sah diese Schule im österreichischen
Strafrechtsentwurf 1912 und im deutschen Strafrechtsentwurf 1925 verwirklicht. Zur
SchuleMerkels s auchSchmidt,GeschichtederdeutschenStrafrechtspflege299–302.
395 ReferentenentwurfzurNachbesetzungderLehrkanzelfürStrafrechtzuZ26780/1/34,ÖStA
AVA,UnterrichtAllg.,Univ.Wien,Karton608, Strafrecht. Die
judiziellenFächer422
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik