Seite - 427 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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Prag zu behalten »falls ihm für die ihmanderGrazerUniversität inAussicht
stehende günstigere materielle Position eine Entschädigung gewährt würde«,
wurdeLenznachGrazberufenundGleispach einePersonalzulagebewilligt.424
Gleispach blieb bis 1915 in Prag, im Studienjahr 1911/12 war er Dekan der
juridischen Fakultät. Bereits in Prag wurde er »im gesamtdeutschen Sinn
tätig«,425 auch Kraus schreibt in seiner Dissertation: »Gleispach war in Prag
Vertreter der Deutschen Studenten; durch die oft sehr heftigen Angriffe der
TschechengegendasDeutschtumwurdeerallmählich indasDeutschnationale
Lager gedrängt.«426 Zwischen 1913 und 1919 wurde Gleispach Mitglied des
Deutschen Klubs.427 Im April 1915 wurde Gleispach als Nachfolger Heinrich
LammaschszumordentlichenProfessor fürStrafrechtundStrafprozessrecht in
Wien ernannt.Die Fakultät hatte ihnunico loco vorgeschlagen,428 zwar gab es
auchÜberlegungen,HansGrossindenBerufungsvorschlagaufzunehmen,doch
wurde imHinblick auf dessen nahende Emeritierung davonAbstand genom-
men.429 1919/20und1925/26wurdeGleispach zumDekanderWienerRechts-
und Staatswissenschaftlichen Fakultät gewählt, 1924/25 saß er als Senator für
seine Fakultät im Akademischen Senat. Jahrelang übte er auch das Amt des
Disziplinaranwaltes der Disziplinarkammer der UniversitätWien aus.430 1921
erhieltGleispachdenRufandieUniversität inLeipzigalsNachfolgervonAdolf
Wach, den er jedoch nach Verhandlungen mit dem österreichischen Unter-
richtsministerium nicht annahm.431 Sowohl die Fakultät als auch das Unter-
richtsministeriumwarenbemüht,GleispachinWienzubehalten.Eswurdeihm
u.a. eine »dauernde Personalzulage im Betrag von 100% seiner jeweiligen
systemmäßigenBezüge[…]bewilligt.«432EsistwohlkeinZufall,dassGleispach
im Jahr darauf die Errichtung eines kriminalistischen Institutes anregte. Da-
durch sollte dieVerbindungder Strafrechtsdogmatikmit sozialwissenschaftli-
chenundnaturwissenschaftlichenFächerngefördertwerden.Gleispachschaffte
es– trotzder schlechten finanziellenLagederUniversitäten–seineForderung
bezüglich derGründungdes Instituts für die gesamte Strafrechtswissenschaft
und Kriminalistik durchzusetzten und leitete dieses von 1922 bis 1933. Die
Bestrebungen der Fakultät, ihn inWien zu behalten unterstützten wohl sein
Vorhaben.Als Institutsvorsteher gründete er die Schriftenreihe »Kriminologi-
424 Probst, Strafrecht 57Fn.132.
425 Vgl.BArch (Berlin-Lichterfelde),R/4901/13263.
426 Kraus,Gleispach11.
427 Er scheint nicht imMitgliedsverzeichnis von 1913 auf, 1919 ist er bereitsMitglied; Vgl.
MitgliedsverzeichnisdesDeutschenKlubsvom15.3. 1919.
428 ÖStAAVA,UnterrichtAllg.,Univ.Wien,Karton610,PersonalaktGleispachWenzel.
429 ÖStAAVA,UnterrichtAllg.,Univ.Wien,Karton608, Strafrecht.
430 Vgl. dazu79–99.Dort auchzurDisziplinaranzeigegegenGleispach.
431 NFPvom22.3. 1921Nr.20318, 1.
432 Kraus,Gleispach15.
StrafrechtundStrafprozessrecht 427
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik