Seite - 438 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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vierstündigeLehrveranstaltungenzumMilitärstrafrechtundzweistündigezum
Militärstrafprozessrecht. Diese wurden in den 1920er Jahren durch die Vorle-
sung»StrafrechtlicheSonderbestimmungen fürMilitärpersonen«abgelöst, da-
nebenbotereinPraktikumüberStrafrechtundRechtsmittelan.Nachdem1933
Gleispachvon seinemLehrstuhl entferntwordenwar,übernahmLelewer auch
strafrechtlichePflichtübungen. LelewerwarMitgliedder judiziellen Staatsprü-
fungskommission. Publizistisch beschränkte sich Lelewer nicht nur auf das
Militärstrafrecht,508 er engagierte sich auch in aktuellen strafrechtlichen Dis-
kussionen. Bei der 1925 geführtenDebatte zurÄnderung der strafrechtlichen
Bestimmung zur Abtreibung vertrat Lelewer die Ansicht von Löffler, die eine
strafloseAbtreibungnichtnur inFällenvonLebensgefahrderMutter, sondern
auch bei schwerer Gefahr für die Gesundheit und aus Gründen derMensch-
lichkeit und der Sittlichkeit – so bspw. bei Gewaltopfern – vorsah509 – die Be-
stimmungüberdieAbtreibungderLeibesfrucht sollte erstmitderEinführung
der Fristenlösung 1974 geändert werden.1933 sprach sich Lelewer für die
WiedereinführungderMilitärgerichtsbarkeitaus,die1920beseitigtwordenwar.
ErbefürwortetedieKonzentrationallergerichtlichverfolgbarerSachen–somit
sowohlmilitärstrafrechtlicheralsauchzivilrechtlicher–gegenMilitärspersonen
bei einer Behörde. Als Argument für dieMilitärgerichte nannte er das »Ver-
ständnisdermilitärischenBegriffeunddermilitärischenNotwendigkeiten«510–
Kenntnisse,diedenregulärenStraf-undZivilrichternfehlten.Mit1. Jänner1938
wurdeLeleweralsSenatspräsident indendauerndenRuhestandversetzt. Seine
Lehrtätigkeit anderUniversitätWienmusste Lelewer aus rassischenGründen
imApril 1938 aufgeben – seine Lehrbefugnis wurde am22.April 1938wider-
rufen.511MitHilfe einesKomiteesvonbritischenRichterngelangLelewer1939
die Flucht nach England. Die Versuche dort seine wissenschaftliche Tätigkeit
wiederaufzunehmenscheiterten,ergründete1940die legitimeAustrianLeague
undengagierte sich inFolge inexilpolitischenTätigkeiten imRahmendesFree
AustrianMovements.512ZwarkehrteLelewer1946nachÖsterreichzurück,doch
bereits1948übersiedelte er zurücknachLondon,woeram3.April 1960starb.
508 Lelewer, GrundrißdesMilitärstrafrechts;Ders., DieMilitärstrafprozeßordnungÖster-
reich-Ungarns fürdiegemeinsameWehrmachtund fürdiebeidenLandwehren.
509 Lelewer, Die geplanteAenderungder strafgesetzlichenBestimmungenüberdie Frucht-
abtreibung.
510 Lelewer, IstdieMilitärstrafgerichtsbarkeitwiedereinzuführen?3.
511 Schreiben desUnterrichtsministeriums an dasRektorat derUniversitätWien vom22.4.
1938,UAW,Rekt.Akt677aus1937/38.
512 Mr. Churchill’s faith in victory, TheTimes vom19.2. 1942Nr.49164, 2. Zu seinenAkti-
vitäten im Exil vgl auch Feichtinger, Wissenschaft zwischen den Kulturen 271mwN.
Die
judiziellenFächer438
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik