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nurBeweisdafür,dassauchunzweifelhaftdemokratischgesinnteIntellektuellein
Österreich zu jener Zeit für eineVereinigungmit einem– demokratischen! –
DeutschenReichplädierten.WasKelsendagegenvomNationalsozialismushielt,
wird in seiner 1932 erschienenenSchrift »VerteidigungderDemokratie« deut-
lich, in der er vor einer »Vernebelungder politischen Ideologien«warnt: »Die
Intellektuellen, die heute gegen die Demokratie kämpfen und damit den Ast
absägen,aufdemsiesitzen, siewerdendieDiktatur,die sie rufen,wennsieerst
unter ihr lebenmüssen,verfluchen,undnichtsmehrersehnenalsdieRückkehr
zuder von ihnensoverlästertenDemokratie.«Er selbst nahmsichvor, »seiner
Fahne treu [zu] bleiben, auch wenn das Schiff sinkt«.91 Indem er 1933 ins
schweizerische,1940insamerikanischeExilging,umvondortweiterfürFrieden
undDemokratie einzutreten, erfüllte er das amVorabenddesUntergangesder
WeimarerRepublikgegebeneVersprechen.
b) Adolf JuliusMerkl
Vermutlich noch vor Ausbruch des ErstenWeltkrieges hatte Kelsen damit be-
gonnen, einenKreisvonSchülernumsichzuversammeln;währendderKriegs-
jahre, als Kelsen keine Lehrveranstaltungen halten konnte, wurden diese Ge-
sprächsrundeninseinerPrivatwohnunginderWickenburggassefortgeführt,der
KreisderTeilnehmer immergrößerunddieTreffenwohlauchregelmäßiger.Der
bereits erwähntePitamic erinnerte sich später »mitVergnügender Zusammen-
kunft rechtsphilosophisch interessierter Personen an Sonntagnachmittagen in
[Kelsens]WienerHeim; auf Grund vonReferaten entwickelten sich dann inte-
ressante Diskussionen.«92 Unterbrochen wurden die Gespräche nur von den
Kaffeejausen,dieGreteKelsenfürdieGästevorbereitethatte,ansonstenwollteder
»Kreis umKelsen« nicht gestört werden, was der Hausherrin angeblich sogar
durch ein elektrisch beleuchtetes Schild an der verschlossenen Zimmertür be-
deutetwurde.93DerSlowenePitamicwareinerderältestenTeilnehmeramKelsen-
Kreis,nachdemZerfallderMonarchiestellteersichindenDienstdesneuenSHS-
StaatesundverließdementsprechenddieUniversitätWien.94
Wesentlichgeprägtwurdeder»Kelsen-Kreis«dagegenvonAdolfJuliusMerkl,
dernichtnuralseinerderältestenSchüler–erbesuchtevermutlichschon1911
Lehrveranstaltungen Kelsens – bezeichnet werden kann, sondern die Reine
RechtslehreauchineinigenzentralenPunktenwesentlichweiterentwickelte.So
stammt insbesondere die Lehre vomStufenbau der Rechtsordnung, die heute
91 Kelsen,VerteidigungderDemokratie236f.
92 Zit.n.Pavcˇnik, Pitamic325.
93 Zeleny,DieWickenburggasse42.
94 Pavcˇnik, Pitamic.
DiestaatswissenschaftlichenFächer484
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik