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einesderwichtigstenElementedieserTheorieausmacht, vonihm.Kelsenhatte
sich bis dahin noch kaummit der Frage der Rechtsentstehung auseinander
gesetzt;MerkldagegenentwickeltedieTheorie,dassalleRechtsentstehungdas
Produkt eines Denkaktes und einesWillensaktes sei: In einem ersten Schritt
müssedas rechtssetzendeOrgandenrechtlichenRahmenabstecken, innerhalb
dessen es zurRechtssetzungbefugt sei, in einemzweitenSchritt zu einer kon-
kretenEntscheidung gelangen, die sich innerhalb des gedachtenRahmens be-
finde. So kamMerkl zurÜberzeugung, dass das Recht »stufenweise« erzeugt
werde.95EineÜberzeugung,dievonKelsengeteiltwurde;erbezeichneteseinen
Schüler und Freund später einmal als ein »Genie rechtswissenschaftlichen
Denkens«.96
GeborenwurdeMerklam23.März1890inWien,wuchsjedochinNaßwaldan
derRaxalpeauf,woseinVater,einForstakademiker,damalsarbeitete.Diessollte
späterprägendseinfürsein–inderdamaligenZeitnochrechtungewöhnliches
–publizistischesEintreten fürdenNaturschutz,waserebensorigorosverfocht
wie denKampf gegen denAlkohol. Kelsen hat diese Seite des publizistischen
WirkensMerkls1960,ausAnlassvondessen70.Geburtstag,gewürdigt,zugleich
aber gedrängt, ermöge »darüber nicht vergessen,wozu erdurch seine seltene
wissenschaftliche Begabung ureigentlich berufen ist, und […] das große
rechtstheoretische Werk vollenden, das seine Freunde von ihm erwarten.«97
DamitspielteervermutlichaufeineumfassendeMonographieüberdieTheorie
des rechtlichenStufenbausan,dieMerkl 1931angekündigthatte,98 jedochnie-
malspubliziertwurde.
Den Umbruch von 1918 erlebte Merkl als Ministerialkonzipient in der
staatsrechtlichenAbteilungdesk.k.Ministerratspräsidiums,woersichu.a.mit
derDurchführungdesFriedensvonBrest-Litowsk sowiemit denBeziehungen
zwischenÖsterreich und Ungarn zu befassen hatte. »AlsÖsterreich in Aus-
wirkungdesverlorenenKrieges inseinenationalenBestandteilezerfiel,war ich
der erste Beamte des Ministerratspräsidiums, der – ein einzigartiger staats-
rechtlicher Tatbestand – durch Dienstbefehl meiner eigenen Dienstbehörde
ermächtigtundverpflichtetwurde,micham2.November1918demdesignier-
ten Kanzler der neuenDeutsch-Oesterreichischen RegierungDr. Karl Renner
zurDienstleistungzurVerfügungzustellen.«99AlseinerderengstenMitarbeiter
Renners war er in die staatsrechtlichen Ereignisse der Folgezeit unmittelbar
eingebunden und verfasste eine knapp 200-seitige systematische Darstellung,
»Die Verfassung der Republik Deutschösterreich«, die im Frühjahr 1919 er-
95 Merkl,Rechtskraft 219.
96 Kelsen,Merkl zuseinemsiebzigstenGeburtstag313.
97 Ebd.315.
98 Merkl, Prolegomena294Anm.1.
99 Merkl,Selbstdarstellung138.
AllgemeinesundösterreichischesStaatsrecht 485
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik