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erfüllenkonnteundsich inKämpfengegenSpannaufrieb.378DazudemJoseph
SchumpeterundLudwigMises,dieSchülerBöhm-Bawerks,beidenBerufungen
übergangen worden waren, erfolgte mit Beginn unseres Untersuchungszeit-
raums die universitäre »Enthauptung«379 derÖsterreichischen Schule derNa-
tionalökonomie.Jenewarfortanhauptsächlichaußeruniversitärorganisiertund
wurde früher (Schumpeter, der1925einenLehrstuhl inBonn,1932 inHarvard
annahm) oder später (Mises, der 1934 nach Genf, 1940 in die USA ging) im
Auslandweitergeführt. Feichtingermacht für jeneBerufungspolitikder1920er
Jahre »Antisemitismus, gepaart mit ideologischen und wissenschaftlichen
Vorbehalten, hierfür genauso verantwortlich, wie den nicht zu verleugnenden
Sachverhalt, dass derWirtschaftsliberalismus inderErstenRepublik seine so-
zialpolitischeRelevanzeingebüßt hatte.«380
Die an der Universität institutionalisierte Nationalökonomie und Volks-
wirtschaftspolitikeinesHansMayer,OthmarSpannoderFerdinandDegenfeld-
Schonburg war im internationalenVergleichmit den extramural Tätigen un-
bedeutend. Die nationalökonomische Theorie imÖsterreich der 1920er Jahre
wurdenämlichvonLudwigMisesbeherrscht, obwohl ihminWienniemals ein
Lehrstuhlangebotenwurde.Mises,abdemStudienjahr1919/20Privatdozentfür
PolitischeÖkonomiemitdemTitel einesaußerordentlichenProfessorsund im
Brotberuf in der HandelskammerWien tätig, versammelte alle zweiWochen
Kolleg/innenundSchüler/innen in seinemPrivatseminar,wonebenökonomi-
schen Fragen auch Themen der Sozialphilosophie, Soziologie, Logik und Er-
kenntnistheoriediskutiertwurden.Außerdemtrafen sichdie jungenNational-
ökonom/innen zum interdisziplinären Austausch imGeist-Kreis sowie in der
eigens gegründeten Nationalökonomischen Gesellschaft und später im von
Mises und Hayek geschaffenenÖsterreichischen Institut für Konjunkturfor-
schung. Nicht zu vergessen sind die Mathematischen Kolloquien von Karl
Menger,demSohnCarlMengers.
All jeneZusammenkünftewiesenteilsextremepersonelleÜberschneidungen
aufundihreTeilnehmer/innenhielten–wennauchnichtalsOrdinarien,sodoch
als Dozenten – Kontakte zur Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät.
MiseskonntealsPrivatdozentseineSchüler/innenzwarnichthabilitieren,dafür
jedochmeist auf HansMayer zurückgreifen, der zwar selbst die Lehre seines
Mentors, FriedrichWieser, und damit dieÖsterreichische Schule der Natio-
nalökonomie kaumweiterentwickelte, aber doch dieMises-Schüler Friedrich
Hayek und Gottfried Haberler gegen somanch (politisch, ideologisch moti-
viertes)Hindernishabilitierte.
378 Vgl.Mises, Erinnerungen62.
379 Vgl. Feichtinger,Wissenschaft zwischendenKulturen182 f.
380 Ebd.183.
Nationalökonomie& Volkswirtschaftspolitik 549
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik