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Morgensternwar SchülerHansMayers gewesen, der bereits seineDisserta-
tion»FragenderVerteilungslehremitbesondererBerücksichtigungderTheorie
derGrenzproduktivität« betreuthatte.AlsZweitbegutachter fungierteOthmar
Spann, unter dessen erheblichen Einfluss Morgenstern bis zu seinem Aus-
landsaufenthalt gestandenhabensoll.
Mit seinerRückkehrnachWienwurdeMorgensternnicht nurPrivatdozent
an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät, sondern vor allemMit-
arbeiter am »Institut für Konjunkturforschung« und Schriftleiter der »Zeit-
schrift fürNationalökonomie«, die nach derNS-Machtergreifung inDeutsch-
land die einzige deutschsprachige Wirtschaftszeitschrift mit internationaler
Reputation war. Zudem agierte Morgenstern als Vorstandsmitglied der »Na-
tionalökonomischen Gesellschaft« und Ausschussmitglied im »Verein für So-
zialpolitik«.NachLudwigMises’WeggangausWien1934wurdeer indennoch
verbleibenden Jahren bis zumAnschluss zur zentralen Figur derWiener Na-
tionalökonomen.Er, der jahrelangAssistentHansMayers gewesenwar, verab-
schiedete sich jedoch zusehends vomAustroliberalismus unddamit auchvon
denGrundlagenderÖsterreichischenSchulederNationalökonomie, vorallem
weil seine Theorie mit einer Politik des Interventionismus unter Umständen
durchaus kompatibel war. Bereits in seinemBuch »Grenzen derWirtschafts-
politik« (1934) griff erMises’MethodologieundPraxeologie an.450DennMor-
gensternwollteÖkonomieals exakteWissenschaft gemäßdemLogischenEm-
pirismus/Positivismus desWiener Kreises betreiben und verstand sowohl Li-
beralismusals auchSozialismusals rigideSystemederWirtschaftspolitik.
Als Direktor des »Instituts für Konjunkturforschung« erweiterte er dessen
Untersuchungsfeld auf mehr aktuell praxisrelevante Analysen, was auch im
Zusammenhangmit seiner Tätigkeit als Politikberater der neuen, autoritären
Staatsordnung stand: »(T)he Instituteworked as a base forMorgenstern’s ac-
tivities as apolicy advisor.«451Erarbeitete zumBeispiel fürdasHandelsminis-
terium als Berater in Fragen der Verkehrsinfrastruktur, insbesondere des Ei-
senbahnnetzes, warMitglied der interministeriellen Kommission zurWaren-
preisregulierung, repräsentierteÖsterreich bei internationalen Konferenzen,
beimVölkerbund etc. Außerdem unterhielt Morgenstern enge Kontakte zum
NationalbankpräsidentenViktorKienböck und zuLudwigDraxler, der imFi-
nanzministeriumfürdieAusteritätspolitikverantwortlichzeichnete.
Den geänderten politischen Verhältnissen angepasst, wurde Morgenstern
schließlich1935derTitel einesao.ProfessoranderUniversitätWienverliehen.
Somit behielt dieÖsterreichische SchulederNationalökonomie auchwährend
bezuschusst undnochals arrivierter Forscher erhielt erRF-Reisestipendien (Vgl. Fleck,
TransatlantischeBereicherungen97 f.).
450 Vgl.Morgenstern,Grenzen.
451 Klausinger,Mises toMorgenstern32.
DiestaatswissenschaftlichenFächer576
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik