Seite - 603 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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sellschaftslehrehabilitiert543und lasbis zumWintersemester 1936unter anderem
»Erkenntniskritische Grundlagen der Gesellschaftslehre«, »Moderne Soziologie
und Sozialphilosophie (Simmel, Weber, Tröltsch)« sowie »Die Staatslehre des
Marxismus and ihre gegenwärtige Entwicklung. Soziologische Gedanken in der
griechischenPhilosophie«undhielt soziologischeÜbungenab.
Adler war als ausgewiesener und bekennender Marxist an der Fakultät
ziemlichisoliertundstanddaherinzahlreichenDisputen,etwamitHansKelsen
undOthmarSpann.InsbesondereSpann,deralsZweitgutachterderHabilitation
Adler nochein »NiveauwirklicherWissenschaftlichkeit«544bestätigte,wetterte
gegendenMarxismusundnanntediemarxistischeeine»toteWissenschaft«.545
SahSpanndieZukunftderSoziologieinderMetaphysik,sosprachsichAdlerfür
dieSoziologiealsErfahrungswissenschaftaus.Für ihnwar»derMarxismusdie
epochemachende Richtung der deutschen Philosophie« und »der von Marx
entwickelte Grundbegriff des vergesellschafteten Menschen« der Ausgangs-
punkt.DenndieSoziologiekann»nicht voneinerGanzheit ausgehen, sondern
siemussvomindividuellenMenschenausgehen.«546
In jenem Schulenstreit (Spann vs. Kelsen, Adler etc.) »[i]nstitutionell sieg-
reichwarOthmarSpann,dermehralseinemhalbenDutzendseinerSchülerden
Weg zu akademischen Positionen ebnete. Der soziologischenNachwelt haben
diese wenigmehr hinterlassen als eine voluminöse Edition des Gesamtwerks
ihres Meisters. Dagegen wurden die kognitiv interessanten und die Zeiten
überdauerndenWerkeamRandeoderaußerhalbderakademischen Institutio-
nenverfasst,gestütztaufkargematerielleRessourcen,aberdurchinspirierende
Diskussionsforenermutigt, ehedasallesvonaußenzerstörtwurde«.547
ImBrotberufwarMaxAdlerseit1904Rechtsanwalt;von1919bis1923wirkte
er auchals sozialdemokratischerAbgeordneter undwar außerdemam30.De-
zember 1924vomBundesrat zumErsatzmitglieddesVerfassungsgerichtshofes
gewählt worden. Er war jahrelang in der Volkshochschulbildung tätig und
fungiertezudemgemeinsammitRudolfHilferdingalsHerausgeberder»Marx-
Studien«.Ab1919 arbeiteteAdler beim»SchönbrunnerKreis«mit, einer päd-
agogischen Ausbildungsstätte derWiener Kinderfreunde. Dort entwickelte er
gemeinsammitWilhelm Jerusalem,AlfredAdler,MariannePollak, Josef Luit-
poldSternundOttoFelixKanitz reformpädagogischeProgramme.
Zu seinen Schriften zählen »Die Staatsauffassung desMarxismus« (1922),
543 DieHabilitationwar offenbar aufgrund vonAdlers politischerÜberzeugungmit großen
Schwierigkeitenverbunden; siehedazuMétall,Kelsen44.
544 Othmar Spann, Habilitationsgutachten Adler, ÖStA AVA, Unterricht Allgemein, Univ.
Wien,Karton609,PersonalaktAdlerMax.
545 Spann, Toteund lebendigeWissenschaft.
546 Adler, ZurKritik269.
547 Fleck,AlfredSchütz 112.
Gesellschaftswissenschaft 603
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik