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lehrtewurde1930zumOrdinariusanderDeutschenUniversitätPragberufen.97
Bereits imHerbst 1933wurdedieBerufungKelsens, der seineStellung inKöln
aufgrundseiner jüdischenHerkunft verlorenhatte, erwogen.DekanFritz San-
der,dernochinWienmitKelsengebrochenhatteundgegenihnPlagiatvorwürfe
erhoben hatte,98 stimmte dagegen, konnte sich jedoch nicht dieMehrheit im
Professorenkollegiumsichern.DieAngelegenheitzogsich jahrelang,bisKelsen
schließlich im Oktober 1936 seine knapp zweijährige Lehrtätigkeit an der
Deutschen Universität Prag aufnehmen konnte – seine Prager Zeit war über-
schattet vonantisemitischenAktionenseitensdernationalistischenStudieren-
den.99 Lediglich ein kurzes Zwischenspiel an der Deutschen Universität legte
1920 Alexander Hold-Ferneck ein, der ein Semester lang die Lehrkanzel für
Strafrecht supplierte.100
Bemerkenswert ist die in Prag begonnene wissenschaftliche Karriere von
SibylleBolla-Kotek. SiekamalsTochterdesungarischenAdeligenGedeonvon
Bolla1913 inPreßburg [Bratislava/SK]zurWelt,101 studierteanderDeutschen
Universität in Prag Rechts- und Staatswissenschaften und promovierte 1935.
DreiJahrespäterhabilitiertesiesichmitderUnterstützungvonEgonWeissund
Leopold Wenger mit der Schrift »Die Entwicklung des Fiskus zum Privat-
rechtssubjektmitBeiträgenzurLehrevomaerarium«fürRömischesRechtund
Antike Rechtsgeschichte an der Deutschen Universität in Prag – als eine der
ersten habilitierten Rechtswissenschaftlerinnen im deutschsprachigen Raum.
ImFebruar1944wurdesiezuraußerplanmäßigenProfessorinanderDeutschen
Universität ernannt, 1947habilitierte sie sich inWien,wurdezwei Jahre später
zuraußerordentlichenProfessorinund1958schließlich–alsersteFrauaneiner
österreichischenjuristischenFakultät–zurordentlichenProfessorinernannt.102
DieTätigkeit anderDeutschenPragerUniversität brachtenachdemZerfall
der Habsburgermonarchie freilich neueHerausforderungenmit sich – so er-
innertesichLudwigAdamovich1955 inseinerSelbstdarstellung:»Die fürmich
vollkommen neuen Probleme, die die tschechoslowakische Rechtsordnung,
insbesondereaufdemschwierigenGebietdesNationalitätenrechtsbot, forder-
tenAnspannungallerKräfte,daichdieVorlesungenüberdasGesamtgebietdes
tschechoslowakischenVerfassungs- undVerfassungsrechts sofort zuüberneh-
97 ZuSanderundKelsenvgl.Olechowski, Busch,DeutscheUniversitätPrag.
98 Vgl. dazu85f.
99 Vgl. ausführlich Olechowski, Busch, Deutsche Universität Prag 1122 ff; Ein weiteres
Beispiel antisemitischerAktionen an derDeutschenUniversität Pragwarendie Proteste
gegendenRektorSamuelSteinherz, vgl. dazuOberkofler,Vorposten2 ff.
100 Schreiben des Ministeriums vom 12.4. 1920, UA Prag, Bestand Deutsche Universität /
JuristischeFakultät, Lehrkanzel fürStrafrecht.
101 Vgl.Berger, SibylleBolla-Kotek;Frühwirth, SibylleBolla-Kotek.
102 Berger, SibylleBolla-Kotek83.
DieDeutscheUniversitätPrag 661
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik