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chenDoktorats als Eintrittsberechtigung in den öffentlichen Dienst. Mit Un-
terstützungderWienerRechts-undStaatswissenschaftlichenFakultätbrachten
die Vereinsmitglieder Anfang des Jahres 1927 bei Bundeskanzler Seipel ein
Memorandumein,worin siedarlegten: »DieseKlausel [Anm.: §1Abs.2BGBl
258/1926] ist durch kein Argument zu rechtfertigen. Es ist nicht einzusehen,
wovor sie schützen soll. Auch wenn sie nicht bestünde, könnte durch den
Nachweis desDoktorats rer. pol. dieQualifikation für denöffentlichenDienst
nicht erworbenwerden. Ebensowenig genügt ja auchdasDoktorat derRechte
(wie aus dem Paragr. 6 des Gesetzes ex 1893 klar hervorgeht) […] Aus dem
bisherGesagtenergibt sich,dassderStaatswissenschafterGelegenheithat, sich
soviel an juristischen Kenntnissen anzueignen, als er z.B. für den höheren
Verwaltungsdienst braucht. Er soll undwill ja nicht Jurist sein, er will weder
Richterwerden,nochwill er indasRechtsbüroeinerBehördekommen.«40Das
Bundeskanzleramt unddasUnterrichtsministeriumerachteten denAntrag je-
dochals indiskutabel.
16. Österreichisches Institut fürKonjunkturforschung
Am1. Jänner 1927 eröffnete LudwigMises das bald gänzlich ausMitteln der
Rockefeller Foundation41 finanzierte Institut fürKonjunkturforschung, dessen
ersterDirektorFriedrichAugustHayekwurde.DenVorstanddesKuratoriums
übernahm Richard Reisch, das Ehrenmitglied derWiener Nationalökonomi-
schenGesellschaft.AmInstitut,dasseinenSitzbeiMisesinderHandelskammer
hatte, wurden Konjunkturschwankungen und insbesondere die Ursache der
Zyklen empirisch erforscht, sowie es Hayek imZuge seines US-Aufenthaltes
gelernthatte.DamitwardasÖsterreichische Institut fürKonjunkturforschung
die ersteEinrichtungdieserArt inEuropa.
Das Institut beschäftigte neben demDirektor Hayek zwei weitere Schüler
Mises’,nämlichGottfriedHaberlerundOskarMorgenstern.AlsHayek1931an
die London School of Economics wechselte, übernahmMorgenstern dessen
StellealsDirektor.MitdemWeggangvonMisesausWienerhielterab1934 freie
Hand, umdas Institut neu zu positionieren undweitereMitarbeiter/innen zu
beschäftigen, unter anderemden Staatswissenschafter FritzMachlup undden
Rechtswissenschafter Gerhard Tintner, die jedoch beide schon wenig später
mittelsStipendienderRockefellerFoundationalsEconomics-Studierendeindie
USAgingen.Laut JohannesFeichtinger läuteteMorgensterndiemathematisch-
40 MemorandumüberdieNeuregelungdesstaatswissenschaftlichenStudiumsundErlangung
desDoktorates,ÖStAAVA,UnterrichtAllg., Prüfungen,Karton6902,Az14842/1927.
41 Vgl.Craver, Patronage213 f.
Extramuros:Vereine,Gesellschaften,KreisundVolksbildung716
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik