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19. WirtschaftspsychologischeForschungsstelle45
Am27.Oktober 1931 als Sozialpsychologischer Verein gegründet, wurde diese
Einrichtung alsbald inÖsterreichische Wirtschaftspsychologische Forschungs-
stelle umbenannt und war mit dem Psychologischen Institut der Universität
Wienassoziiert. IhrGründerwarPaulLazarsfeld, derdamals als eindurchdie
Rockefeller Foundation finanzierter Assistent beim Ehepaar Bühler arbeitete.
AlsVereinspräsidentfungierteKarlBühler,demeinKuratoriumzurSeitestand,
dem zahlreiche Nationalökonomen der Rechts- und Staatswissenschaftlichen
Fakultät angehörten, nämlichFerdinandDegenfeld-Schonburg, LudwigMises,
OskarMorgenstern undRichard Strigl. Leiterin des Büros war die Staatswis-
senschafterinCharlotteRadermacher,dieam18. Juli1932beiWilhelmWinkler
undFerdinandDegenfeld-Schonburgmit derDissertationDieVolksheimhörer
indenJahren1927–29zurDr.rer.pol.promoviertwordenwar.46 ImSekretariat
arbeitetenaußerdemdieJuristinGertrudeWagnerundalsleitenderSekretärder
JuristundStudierendederStaatswissenschaftenHansZeis(e)l47.
NachdemdemWeggangPaulLazarsfeldslöstesichderVereinimJänner1935
freiwillig auf undwurde alsArbeitsgemeinschaft derMitarbeiter derÖsterrei-
chischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle neu gegründet, jedoch
nichtmehralsVerein, sondernalsGesellschaftbürgerlichenRechts.Mitdieser
vollständigen Loslösung vom Psychologischen Institut der Universität Wien
wurde inÖsterreichdie erste außeruniversitäre, reinprivatwirtschaftliche, so-
zialwissenschaftlicheForschungseinrichtunggeschaffen. Ihrewissenschaftliche
LeiterinwarnunmehrMarieJahoda,diejedochimNovember1936alsAktivistin
der imAustrofaschismus illegalisiertenRevolutionären SozialistenÖsterreichs
(RSÖ) verhaftetwurde. ImMärz 1937wurdedieForschungsstelle geschlossen.
DieWirtschaftspsychologische Forschungsstelle war durch dieMarienthal-
Studie berühmt geworden, die heute als Klassiker der empirischen Sozialfor-
schunggilt.48SiebeschäftigteüberdieJahrehinwegandie160wissenschaftliche
Mitarbeiter/innen, darunter auch zahlreicheAbsolvent/innen derRechts- und
Staatswissenschaftlichen Fakultät, zum Beispiel die Doktorin der Staatswis-
senschaften Elisabeth Schilder oder den Doktor der Rechte Joseph Theodor
Simon.
45 Vgl.Müller,Marienthal.
46 Vgl.UAWJRASt1046.DerAkt enthält auchRadermachersDissertation.
47 Zeisl (später Zeisel) war am20.12. 1927 zumDoktor der Rechte promoviert wordenund
hatte imJahr1930seineDissertationzumThemaMarxismusundsubjektiveTheorie (UAW,
Sign. L 1239) eingereicht (UAW, J RASt 1112), darüber auch bereitsGutachten vonHans
Mayer und Ferdinand Degenfeld-Schonburg erhalten, das Studium aus unbekannten
GründenallerdingsniemitdemDoktorgradabgeschlossen.
48 Vgl. Jahoda,Marienthal.
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Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik