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5. Volksheim
Das Volksheimwar aus den Volkstümlichen Universitätsvorträgen hervorge-
gangen:Da ein tieferesEindringen in einWissensgebiet, eine intensivereWei-
terbildung schwer möglich, weil Vorlesungen an sich, noch dazu bei großen
Hörerzahlen,diesnicht leistenkonnten,wünschtensicheinigeHörerinnenund
HörereineintensivereBildungdurchSpezialkurseundpraktischeÜbungen.38
BesucherderVolkstümlichenUniversitätsvorträge formuliertenschließlichdas
Gesuch »eine Organisation zu schaffen, in welcher die Möglichkeit gegeben
wäre,unterderLeitungderVortragendeneingehendeStudienzumachen«70und
wurdendabei durchdengemeinsamenAufruf zurGründung einesVolksheims
(Volkshochschule) von insgesamt 64 Personen ausKunst, Politik undWissen-
schaft unterstützt (darunter ErnstMach, RosaMayreder, Ferdinand von Saar,
Eduard Suess; von der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät unter-
zeichneten EdmundBernatzik, AdolfMenzel, EugenvonPhilippovich,Walter
Schiff, Gustav Seidler und Friedrich Tezner). Die Bezeichnung »Volkshoch-
schule« war offiziell zwar verboten – die subversiven Anklänge und diemit-
schwingende Kritik an der Universität, die die überwiegende Mehrheit des
Volkes vomWissen ausschloss, wurden nicht geduldet –, doch als weniger
verdächtiges »Volksheim« konnte die Idee 1901 verwirklicht werden. Eugenie
Schwarzwald schriebdarüber anlässlichder 25-Jahr-Feier: »[E]s entstand eine
wirkliche Volkshochschule, die sich komischerweise ›Volksheim‹ nennen
mußte,weil umdieZeit ihrerEntstehungdieDummheit inÖsterreich sogroß
war,daß sie sogar vorderNamengebungnichthaltmachte«71.
WelchenNamen auch immerman der Einrichtung gegeben hätte, ihr Pro-
grammwar bald derart populär, dass 1905 ein eigenes Haus amKoflerpark72
bezogenwurde. IndasVolksheimwurdedie großeHoffnunggesetzt, die Fort-
schreibung der Klassenunterschiede, die das Schulsystem der Habsburger
Monarchie unterstützte, zubeendenunddadurch sozialenAufstieg zu ermög-
lichen; der Demokratisierung von Bildung würde die Demokratisierung der
Gesellschaft folgen,wasdieWienerVolksbildung– trotz aller ihr abverlangten
politischenundweltanschaulichenNeutralität – zumspätaufklärerischenPro-
jekt des Liberalismus und vor allem der Sozialdemokratiemachte. Die Auto-
70 Vgl.Altenhuber,UniversitäreVolksbildung55 f.
71 Schwarzwald, Eine stilleGroßtat 5.
72 DieVolkshochschuleOttakring befindet sich noch heute im selbenHaus, allerdings nun-
mehr unter derAdresse LudoHartmann-Platz7 (bereitswenigeMonate nachHartmanns
Tod imNovember 1924wurde der ehemaligeKoflerplatz in LudoHartmann-Platz umbe-
nannt. So hieß er dann bis zu seiner Arisierung 1938, als Hans Schemm, Leiter des NS-
Lehrerbundes, Namensgeber wurde. Seit 1945 findet sich derHartmann-Platzwieder auf
demWienerStadtplan).
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Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik