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nomiedes Individuums,die IdeederBildungalsBefreiung innererwieäußerer
KettenthematisiertederObmanndesVolksbildungsvereins,Friedrich Jodl, bei
seiner Ansprache zur Eröffnung des Volksheims: »Zur Zeit, als hier die frei-
heitlichen Institutionen geschaffenwurden, glaubteman, es genüge, dieMen-
schen für frei zu erklären, umsie auch frei zumachen.Dazwischen liegt noch
eine ganze Welt, ein Abgrund, den wir ausfüllen wollen. Frei ist nicht der
Mensch, der gewisse Rechte hat, sondern der sie gebrauchen kann, und zum
richtigenGebrauchkannmannurdurchBildunggelangen«73.
DasBedeutsameandieserAbendvolkshochschulewar,dassderVerbreitung
vonWissen andasVolk vonnunan eigeneRäumlichkeiten, ab 1905 sogar ein
eigenes Haus zur Verfügung standen. Das Volksheim war damit das erste
AbendvolkshochschulgebäudeEuropasundMarksteinderModerne;Christian
Stifter spricht gar voneiner »Schattenuniversität«, voneinem»ForumundEx-
perimentierfeld progressiver pädagogischerMethodenundwissenschaftlicher
Ansätze, die derUniversität jenerZeit selbst nicht inkorporierbarwaren«74. In
späterenJahrenmusstedasVolksheimgarZweigstellengründen,umdenstetig
steigendenHörer/innenzahlen gerecht zuwerden. Vor allemdie Sozialgesetz-
gebung der jungen Republik gewährte den Arbeiter/innenmehr Zeit für die
Bildung, was in den frühen 1920er Jahren einen wahren Boom auslöste. Im
Jänner1920wurde inderLeopoldstadtamGymnasiuminderZirkusgasseeine
Zweigstelle eröffnet, imOktober1922 inderGottschalkgasse inSimmering, im
Oktober1924inderKundmanngasseaufderLandstraße,imOktober1925inder
Stromstraße in der Brigittenau. Damit hatte das Volksheim seine größte
räumlicheAusdehnung erreicht. In dendarauffolgenden Jahren flaute derZu-
stromderHörer/innen jedoch allmählich ab, was nebstWirtschaftskrise und
ArbeitslosigkeitauchmiteinemneuenMedium,demRadio,zutunhatte,dasder
VolksbildungKonkurrenzmachte.DennimJahre1924hattederRundfunksein
Programmgestartet undverzeichnete 1929 allein inWien schonüber 200.000
Empfänger.75
NebendenherkömmlichenEinzelvorträgenundmehrteiligenKursengabes
amVolksheimundseinenZweigstellen, umderForderungnach»eingehenden
Studien« nachzukommen, sogenannte Fachgruppen. Sie waren das besondere
Kennzeichen des Volksheims76 und etablierten sich als neue Form derWis-
sensvermittlung, indem sie eine spezifische Anbindung der Hörerinnen und
Hörer andasVolksheimdarstellten: »DaswarenGruppenvonHörernmit ge-
meinsamen Bildungsinteressen, die sich durch Seminarübungen, Vorträge,
73 Friedrich Jodl, zitiert nachLampa,Volkshochschule93.
74 Stifter, Popularisierung50 f.
75 Vgl.Langewiesche, Freizeit 63.
76 DazunäherFilla,Wissenschaft für alle.
WienerVolks-undArbeiterbildung 729
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik