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Diskussionen,FührungenundLektüreweiterbildeten.FürdieMitarbeit ineiner
Fachgruppegenügteesnicht,HörerdesVolksheimszusein,manmußtesichals
Mitglied einschreiben«77.Dort arbeitetenAkademiker/innenmitLaienzusam-
men,derengemeinsamesZielder»engereKontaktzwischenVortragendenund
Hörern, sowie die feinere wissenschaftliche Durchbildung«78war, wie Anton
Lampa,Physiker undMitbegründerdesVolksheims, dieFachgruppencharak-
terisierte.Nebender naturwissenschaftlichen, der philosophischen, der litera-
rischen und zahlreichen anderen gab es auch eine Staatswissenschaftliche
Fachgruppe, indersichzahlreicheunbesoldetePrivatdozentenundAssistenten
sowieProfessorenderRechts-undStaatswissenschaftlichenFakultäteinZubrot
verdienten.
Die Staatswissenschaftliche Fachgruppe ist vor allemhinsichtlich der 1919
erfolgtenEinführungdesDoktoratsder Staatswissenschaftenvonbesonderem
Interesse.DennwährendsichdieDebattenumeineigenständigesStudiumder
Staatswissenschaftenvonder JahrhundertwendebiszurErstenRepublikzogen
undsichselbstab1919keinkritisches,wissenschaftlichhochwertiges,schongar
nicht ein soziologisches Studium etablieren konnte, befasste man sich am
Volksheim längst noch vor dem ErstenWeltkrieg intensiv mit sozialwissen-
schaftlichen Fragestellungen: Am 13.Oktober 1905 war die Staatswissen-
schaftlicheFachgruppegegründetwordenundunterstandab1909jahrelangder
LeitungdesÖkonomie- und StatistikprofessorsWalter Schiff, der sichumdie
gesellschaftswissenschaftlicheAusrichtungdieserFachgruppeverdientmachte.
Der eben habilitierte Hans Kelsen war kooptiertes Ausschussmitglied des
Volksheims, als er im Studienjahr 1912/13 die Staatswissenschaftliche Fach-
gruppe leiteteundmit ihrendamals rund30MitgliederndenGesellschaftsver-
tragvonJean-JacquesRousseau,DerEinzigeundseinEigentumvonMaxStirner
sowieDie Grenzen derWirksamkeit des Staates vonWilhelm von Humboldt
erörterte79.InspäterenJahrenwandtesichderFokusderStaatswissenschaftliche
Fachgruppe stetig aktuelleren gesellschaftsrelevanten Fragestellungen zu. Ins-
besondere ihr Obmann Walter Schiff thematisierte immer wieder auch die
HochschulpolitikderErstenRepublik, indemerzumBeispielüberdieRolleder
Sozialwissenschaften in derVolksbildung publizierte. Da sozialwissenschaftli-
che Studienwegen ihrer (behaupteten) Unwissenschaftlichkeit undNähe zur
Sozialdemokratie an den konservativenUniversitäten nicht zugelassenwaren
und auch das Staatswissenschaftliche Doktorat keinerlei moderne, sozialwis-
senschaftliche Ausbildung beinhaltete, reagierte Schiff mit einer Vermehrung
des entsprechendenAngebots imFachgruppenbetrieb. Ihmwar allerdings be-
77 Altenhuber,UniversitäreVolksbildung58.
78 Lampa, Bericht 9.
79 Vgl.Ehs, ErziehungzurDemokratie86 f.
Extramuros:Vereine,Gesellschaften,KreisundVolksbildung730
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik