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undGeorg Fleischer. Letzterer, der im Juli 1927 zumDoktor der Rechte pro-
moviert worden war und »[a]ls ein Lieblingsschüler Hans Kelsens […] alle
Aussichten[hatte],sichinderRechtslehrezuhabilitieren«83,widmetesichlieber
seinemInteresseanSozial-undPolitikwissenschaftenundforschtegleichsamin
Heimarbeit – in seinem»Fleischer-Kreis« – an einerHabilitation zumThema
Friedensbewegungen des 18. Jahrhunderts. Er war fortan nurmehr außeruni-
versitär tätigundlehrteab1928amVolksheim.DortwarerLeiterderAbteilung
Politische Wissenschaften und ab November 1934 Leiter der Staatswissen-
schaftlichenFachgruppe.1936wurdeFleischer abernachDenunziationandie
VaterländischeFront–er sei Sozialdemokratund»politischabsolutunverläss-
lich«–entlassen84undErichVögelin zuseinemNachfolgerbestellt.
Außerdem besuchten einige Studierende der Staatswissenschaften die
Staatswissenschaftliche Fachgruppe, wohl als eine Art »Erweiterungscurricu-
lum« zummangelhaften sozialwissenschaftlichenAngebot derUniversität; so
zumBeispielMariaDinter und Friedrich Siegel, die alsMitglieder der Staats-
wissenschaftliche Fachgruppe nachgewiesen sind. Neben Vorträgen, Diskus-
sionenundLektürekursenwurde ihnenmittelsExkursionen (beispielsweise in
denWienerwald zumStudiumder Saisonarbeit undder politischmotivierten
Siedlungsbewegung) sozialwissenschaftliches Arbeiten nähergebracht. Die so-
zialdemokratische Zeitschrift Bildungsarbeit – Blätter für sozialistisches Bil-
dungswesenwertete insbesondere die Fachgruppen fürGeschichteundStaats-
wissenschaften als »eine Einrichtung, die den Seminaren der Hochschulen
gleicht«,weil dieFachgruppenmitgliederhier selbstVorträgehielten.85
Zu den Vortragenden in den allgemeinen Kursen amVolksheim, also au-
ßerhalb der Staatswissenschaftlichen Fachgruppe zählten:MaxAdler, der im
schaft.AlsMitglied derKPÖwurde er nach den Feberkämpfen inhaftiert und emigrierte
1935 indieTschechoslowakei; 1941meldete er sich freiwillig zurRotenArmee.Nachdem
ZweitenWeltkriegkehrteernachÖsterreichzurück,woersichfürdieVereinigungvonSPÖ
und KPÖ einsetzte und ab dem Sommersemester 1946 Gastvorlesungen an derWiener
Universität gab.NachantisemitischenAusfällenundtätlichenAngriffennahmer1950den
Ruf fürNeuereGeschichteunter besondererBerücksichtigungderArbeiterbewegung andie
MartinLuther-UniversitätHalle-Wittenberg anundgilt heute als einerder bedeutendsten
DDR-Historiker.
82 HansZeisl (ab 1938: Zeisel)warMitarbeiter der bekanntenMarienthal-Studie. Erwar am
20.12. 1927 zumDr. iur. promoviert worden, hatte danach Staatswissenschaften studiert
und1930dasAbsolutoriumerhalten.ZwarfindetsichimUAWseineDissertationMarxismus
undsubjektiveTheorie(Sign.L1239)sowieimRigorosenakt(JRASt1112)dieGutachtender
beidenReferentenHansMayerundFerdinandDegenfeld-Schonburg(beidebeurteiltendie
Arbeitmit»genügend«),Zeislwurdeper17. 11.1930schließlichzumRigorosumzugelassen,
allerdingsniemals zumDr. rer.pol.promoviert.ÜberdieGründehierfürkannbislangnur
spekuliertwerden.
83 Matejka,Anregung149 f.
84 Vgl.ÖsterreichischesVolkshochschularchiv,Mappe58 ff.
85 Bildungsarbeit.Blätter für sozialistischesBildungswesen,XVIII, 6 (1931)76.
Extramuros:Vereine,Gesellschaften,KreisundVolksbildung732
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik