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128 Invalidenschulung
Es gab landwirtschaftliche Kurse für Kriegsbeschädigte auch in anderen österrei-
chischen Kronländern,92 wobei diese Kurse in solchen Regionen, die aufgrund ihrer
Besitzstruktur traditionell stark auf die Arbeit unselbstständiger landwirtschaftlicher
Arbeitskräfte angewiesen waren, eher Hilfskräfte für den Großgrundbesitz – etwa
Schaffer,93 Wirtschaftsaufseher und sonstiges niedriges Aufsichtspersonal – heranbil-
deten, während sie in anderen Regionen stärker an den Erfordernissen kleiner selbst-
ständiger Bauernwirtschaften orientiert waren.94
Überblickt man die gewerblichen, landwirtschaftlichen und kaufmännischen Kurse,
so zeigt sich, dass die Ausbildungsmöglichkeiten im Rahmen der Invalidenschulung
erstaunlich zahlreich waren : Es gab alle nur erdenklichen Kursangebote. Kriegsbe-
schädigte konnten sich zu Maschinenzeichnern, Dampfkesselwärtern, Buch führern,
Elektrotechnikern, Schlossern, Drehern, Maurern, Bleichern, Färbern, Schuh machern,
Tischlern, Metallarbeitern, chemischen Laboranten95 oder Kinooperateuren, ja
so gar zu Goldarbeitern96 oder Edelsteinschleifern97 ausbilden lassen.98 Sie konnten
landwirt schaftliche Kurse belegen, nach deren Absolvierung sie Melker, Milchküh-
ler, Käsereiarbeiter, Futtermeister, Stallaufseher, Gärtner, Baumwärter, Bienenzüchter,
Obstbrenner, Kulturvorarbeiter, Weide- oder Viehwärter waren.99 Aber es gab auch
ungewöhnliche Kurse : Die k. k. Exportakademie in Wien veranstaltete etwa einen
Eisenbahntarifkurs,100 die Tiroler Landeskommission einen Lehrgang für Gemein-
defunktionäre ;101 an der Schule des steiermärkischen Musikvereins wurden einige
92 In der Steiermark wurden Kriegsbeschädigte in Andritz, Schloss Weyer und Schloss Lauberg im Wie-
dergebrauch landwirtschaftlicher Geräte geschult, während für den konkreten Unterricht die Landesa-
ckerbauschule Grottenhof bei Graz zur Verfügung stand ; K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen,
1916, S. 183f. In Tirol übernahm die landwirtschaftliche Landeslehranstalt in Rotholz diese Aufgabe ;
K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 275.
93 Aufseher auf einem Gutshof.
94 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 236.
95 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S. 203.
96 Ein solcher Kurs wurde 1917 für fußamputierte Metallarbeiter in Wien eingerichtet ; K.k. Ministerium
für soziale Fürsorge, Mitteilungen, 1918, S. 130.
97 Dieser Kurs wurde in Böhmen angeboten ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1361, 15309/1918.
98 Etwa die Aufzählung im Jahresbericht der niederösterreichischen Landeskommission für 1917 ; ebd.,
Kt. 1360, 11941/1918, S. 20–31.
99 Z. B. Mayer, Fürsorge, 1916, S. 3.
100 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S. 176.
101 „Der eigenartige Kurs für Gemeindefunktionäre“ – so die Formulierung der Landeskommission –, an-
fangs als Kuriosum eingestuft und nur von zwei Kriegsbeschädigten besucht, dürfte sehr gut angenom-
men worden sein, denn 1917 gab es bereits zwei Kurse mit insgesamt 47 Teilnehmern ; AT-OeStA/
AdR BMfsV Kb, Kt. 1361, 13776/1918, S. 12 ; K.k. Ministerium für soziale Fürsorge, Mitteilungen,
1918, S.
220. Zu Tirol siehe auch AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 22120/1918, Toni Grubhofer,
Die Kriegsbeschädigten und ihre Schulung (= 3. Beilage zum Protokoll).
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918