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129Die
„Invalidenschulaktion“
– Administration, Einrichtungen, Partner
besonders talentierte Kriegsbeschädigte zu Berufsmusikern ausgebildet,102 und der
Öster reichische Notarverein wollte 1918 63 Kriegsbeschädigte – diesen Bedarf hatte
er erhoben – zu Notariatskanzlisten schulen lassen.103
Auch die vielen Sprach-, Schreib- und Analphabetenkurse,104 die sogenannten
Stottererkurse105 für Soldaten mit Sprachstörungen und die Einarmigenschulen, in
denen Armamputierte – häufig von einem selbst einarmigen Lehrer106 – in den tägli-
chen Handgriffen, vor allem aber im Schreiben mit der linken Hand, unterwiesen
wurden,107 müssen genannt werden, wenn von Invalidenschulung die Rede ist, wenn-
gleich diese Kurse grundsätzlich in den Heilanstalten stattfanden und noch nicht als
berufliche Schulung im engeren Sinne galten. Von der eigentlichen Invalidenschulung
waren sie oft gar nicht so klar zu trennen108 und in den Jahresberichten der Landes-
kommissionen wurden sie meist mit der Invalidenschulung in einem abgehandelt.109
Grundsätzlich waren diese Spitalskurse stark frequentiert110 und bewährten sich – ins-
besondere wenn sie handwerkliche oder hausindustrielle Tätigkeiten wie etwa Papp-
und Buchbinderarbeiten, Modellieren, Korbflechten oder Kerbschnitzen betrafen111 –
102 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S. 183.
103 K.k. Ministerium für soziale Fürsorge, Mitteilungen, 1918, S. 197 ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt.
1361, 16307/1918.
104 Die Kriegsinvalidenschule in Krakau etwa verzeichnete 15 % Analphabeten unter ihren Schülern ; K.k.
Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S. 149.
105 Exemplarisch sei hier der Stottererkurs in der Kriegsinvalidenschule in Krakau genannt, den in den
Jahren 1916 und 1917 insgesamt 80 Personen besuchten ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1361,
12578/1918.
106 Die Grazer Einarmigenschule war etwa im Grazer Erweiterungsspital untergebracht ; K.k. Ministe-
rium des Innern, Mitteilungen, 1916, S.
183. Sie wurde genauso wie die Innsbrucker Einarmigenschule
von einem einarmigen Lehrer geleitet ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 22120/1918, Toni
Grubhofer, Die Kriegsbeschädigten und ihre Schulung (= 3. Beilage zum Protokoll), S.
26. Der Einsatz
armamputierter Lehrer in den Einarmigenschulen wurde aus Gründen der Vorbildwirkung begrüßt ;
Burkard, Schulung, S. 104.
107 Z. B. Spitzy, Organisation, S. 9f.
108 „So klar auf den ersten Blick der Begriff ‚Kriegsinvalidenschulung‘ erscheinen mag, so schwer ist es,
ihn erschöpfend und voll befriedigend zu definieren. Und dies hauptsächlich aus dem Grunde, weil der
Übergang von der ‚Behandlung‘ im medizinischen Sinne zur Berufsschulung kein strenge begrenzter ist,
sondern überbrückt wird durch eine Gruppe von Maßnahmen, die in der Fürsorge für Kriegsbeschä-
digte eine außerordentlich wichtige Rolle spielen und ‚Therapie‘ mit ‚Schulung‘ gleichzeitig vereinen :
die Arbeitstherapie“ ; Burkard, Schulung, S. 99. Siehe auch Pokorny, Arbeitstherapie.
109 Siehe den Bericht der Steirischen Landeskommission, in : K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen,
1916, S. 183f.
110 Ebd., S. 184.
111 Die k. u. k. Kriegsinvalidenschule in Krakau meldete 1916 eine anschauliche Vielzahl solcher Tätigkeiten :
für Ausgangsfähige : „Holzgalanterie, Holzlöffelerzeugung, Holzflechterei, Küchenholzgeschirr, kleine
Spielwaren, Gartenspielgarnituren für Kinder, einfache Holzmalereien, Bastwickelarbeiten, Ausschneiden
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918