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Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Seite - 133 -
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133Standeswahrung und Aufstiegsverheißung tion dabei das im Auge hatten, was ihrer Vorstellung von gesellschaftlicher Normalität entsprach. So verband sich mit der Invalidenschulung scheinbar wie von selbst die Idee, dass es hier auch um die Bewahrung der herrschenden Verhältnisse gehen müsse. Die während des Krieges geschaffenen Schulungsmaßnahmen für Kriegsbeschädigte hat- ten daher trotz ihrer bemerkenswerten Bandbreite ein Grundprinzip, das theoretisch durchgängig vertreten  – wenngleich in der Praxis nicht immer umgesetzt  – wurde : Es galt generell als bedeutend sinnvoller, Kriegsbeschädigte in den ursprünglich ausge- übten Beruf  – und sei es auch nur in die gleiche Berufsbranche  – zurückzuführen, als sie auf einen gänzlich neuen Beruf umzuschulen. Der einarmig gewordene Fleischer  – um das von einem zeitgenössischen Autor angeführte Beispiel zu gebrauchen  – sollte so geschult werden, dass er die Kanzleigeschäfte in großen Fleischereien erledigen konnte,129 der Maurer sollte Bauzeichner, der Tischler Modellzeichner und der Kellner Angestellter eines Hotelbüros werden. So würden vorhandene Fach- und Material- kenntnisse optimal genutzt130 und die Kriegsbeschädigten dem ursprünglichen Beruf nicht entfremdet. Die Gefahr der Entfremdung galt als besonders groß, wenn ein Agrarberuf zu- gunsten einer anderen Tätigkeit aufgegeben wurde. Die Administratoren der Inva- lidenschulaktion legten daher gerade bei den stärker industrialisierten Regionen der Monarchie besonderen Wert darauf, dass die aus der Landwirtschaft kommenden Kriegsbeschädigten  – und das war angesichts der Berufsverteilung unter den Soldaten ein beträchtlicher Anteil131  – der landwirtschaftlichen Arbeit nicht entzogen würden. Man rechnete damit, dass die infolge der großen Zahl der Kriegsbeschädigten zu er- wartenden häufigen Berufswechsel „im nationalökonomischen Gleichgewichte unna- türliche, in den Folgen nicht genügend bedachte Aenderungen erzeugen“132 würden. Landflucht und Proletarisierung waren dabei die negativen Schlagworte. Die in die- sem Fall befürchtete Entwurzelung breiter Bevölkerungsschichten würde zudem nicht nur die Kriegsbeschädigten als Einzelindividuen, sondern immer auch ihre Familien treffen. Die Statistiken der Invalidenschulung zeigten penibel auf, wie viele Kriegsbe- schädigte in ihrem angestammten und wie viele in einem fremden Beruf geschult wurden. Durchschnittlich konnte eine Umschulungsrate von 35 % eingehalten wer- 129 Burkard, Schulung, S.  101. 130 Deutsch, Berufsberatung, S.  58. 131 70 % nach Angaben eines ärztlichen Berufsberaters ; Deutsch, Berufsberatung, S.  44 ; 39 % nach einer Statistik vom März 1918 ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 24911/1918 ; 49 % in den Invali- denschulen des Reservespitals Nr. 11 ; Spitzy, Organisation, S.  9 ; 66 % in der Kriegsinvalidenschule in Krakau ; K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S.  149. 132 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1361, 15498/1918, Krieger-Witwen u. Waisenfürsorge [Ungarn].
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Die Wundes des Staates
Untertitel
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Autoren
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
586
Kategorien
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