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Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Seite - 135 -
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135Standeswahrung und Aufstiegsverheißung Kriegsinvalide als Musterbauern, als Pioniere einer modern organisierten Landwirt- schaft und Botschafter einer vermeintlichen gesellschaftlichen Utopie  – ob dies eine Aufwertung der als Krüppel heimkehrenden Soldaten war oder doch eher ihrer Instru- mentalisierung gleichkam, sei dahingestellt. Übrigens setzte auch die Idee der Krie- gerheimstätten141  – eine mehr publizistisch aufgebauschte, denn in der Realität häufig praktizierte Variante der Kriegsbeschädigtenversorgung  – genau bei dieser ideologi- schen Überhöhung der sogenannten Innenkolonisation an. Kriegerheimstätten sind ein besonders anschauliches  – wenn auch beileibe nicht das einzige  – Beispiel dafür, wie sich mit der Idee der Kriegsbeschädigtenfürsorge ganz andere Konzepte verbinden konnten. Die in Österreich mit der konkreten Kriegsbeschädigungsfürsorge befassten Beamten hatten hier übrigens einen viel realistischeren Blick : Otto Gasteiger, Sektionschef zuerst im k. k. Ministerium für soziale Fürsorge und später auch im entsprechenden Staatsamt, bezeichnete die Sorge, dass Maßnahmen der Kriegsbeschädigtenfürsorge die Landflucht fördern oder Personen dem Kleingewerbe entziehen könnten, als „gekünstelte[s] Beden- ken“ ; die eigentlichen Veränderungen habe „der Kriegszustand mit sich gebracht“.142 Trotz aller konservativen, auf Erhaltung des Status quo gerichteten Aspekte der Invalidenschulung kann auch eine gewissermaßen „revolutionäre“ Komponente aus- gemacht werden. Das explizit formulierte Ziel, „durch eine höhere Ausbildung die durch die Kriegsbeschädigung verminderte Erwerbsfähigkeit auszugleichen“,143 und Kriegsbeschädigte, „die den mechanischen Teil ihres früheren Gewerbes nicht mehr ausführen können, dem intellektuellen Zweig zuzuführen“,144 enthält durchaus jenes progressive Potenzial, das Fortbildungsmaßnahmen  – zumal solchen, die breit und un- entgeltlich angeboten werden  – grundsätzlich innewohnt. Besonders deutlich sichtbar wurde das bei den Spitalskursen, in denen Personen Schreib- und Rechenunterricht erhielten, die unter anderen Umständen nie in die Lage gekommen wären, sich eine Elementarbildung anzueignen. Invalidenschulung zeigte also auf, dass Weiterquali- sind“  – nach Möglichkeit ganze Familien mit einem invaliden Vater oder einem invaliden Sohn  – sollten als Lehrer nach Tirol geholt werden und den auf den Musterhöfen untergebrachten  – nach Möglichkeit ebenfalls verheirateten („Die Landeskommission glaubt in diesem Umstand eine potenzierte Gewähr ihrer Bodenständigkeit zu erblicken“)  – Tiroler Kriegsbeschädigten ihr Wissen weitergeben. Ähnliche Projekte wurden auch im Deutschen Reich überlegt ; Perry, Brave Old World, S.  155. 141 Dazu etwa Robert Hoffmann, „Nimm Hack’ und Spaten  …“. Siedlung und Siedlerbewegung in Öster- reich 1918–1938, Wien 1987, S.  34–40 ; Albert Lichtblau, Wiener Wohnungspolitk 1892–1919, Wien 1984, S.  102–117. Zeitgenössisches : Karl Adam-Kappert, Schafft Kriegerheimstätten ! Ein Aufruf zur Versorgung der Kriegsinvaliden, Graz 1916 ; Sozialausschuss der Landeskommission zur Fürsorge für heimkehrende Krieger, Die Errichtung von Kriegerheimstätten in Tirol, Innsbruck 1916. 142 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 24255/1918. 143 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S.  176. 144 Spitzy, Orthopädisches Spital, S.  116.
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Die Wundes des Staates
Untertitel
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Autoren
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
586
Kategorien
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