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135Standeswahrung
und Aufstiegsverheißung
Kriegsinvalide als Musterbauern, als Pioniere einer modern organisierten Landwirt-
schaft und Botschafter einer vermeintlichen gesellschaftlichen Utopie – ob dies eine
Aufwertung der als Krüppel heimkehrenden Soldaten war oder doch eher ihrer Instru-
mentalisierung gleichkam, sei dahingestellt. Übrigens setzte auch die Idee der Krie-
gerheimstätten141 – eine mehr publizistisch aufgebauschte, denn in der Realität häufig
praktizierte Variante der Kriegsbeschädigtenversorgung – genau bei dieser ideologi-
schen Überhöhung der sogenannten Innenkolonisation an. Kriegerheimstätten sind ein
besonders anschauliches
– wenn auch beileibe nicht das einzige
– Beispiel dafür, wie sich
mit der Idee der Kriegsbeschädigtenfürsorge ganz andere Konzepte verbinden konnten.
Die in Österreich mit der konkreten Kriegsbeschädigungsfürsorge befassten Beamten
hatten hier übrigens einen viel realistischeren Blick : Otto Gasteiger, Sektionschef zuerst
im k. k. Ministerium für soziale Fürsorge und später auch im entsprechenden Staatsamt,
bezeichnete die Sorge, dass Maßnahmen der Kriegsbeschädigtenfürsorge die Landflucht
fördern oder Personen dem Kleingewerbe entziehen könnten, als „gekünstelte[s] Beden-
ken“ ; die eigentlichen Veränderungen habe „der Kriegszustand mit sich gebracht“.142
Trotz aller konservativen, auf Erhaltung des Status quo gerichteten Aspekte der
Invalidenschulung kann auch eine gewissermaßen „revolutionäre“ Komponente aus-
gemacht werden. Das explizit formulierte Ziel, „durch eine höhere Ausbildung die
durch die Kriegsbeschädigung verminderte Erwerbsfähigkeit auszugleichen“,143 und
Kriegsbeschädigte, „die den mechanischen Teil ihres früheren Gewerbes nicht mehr
ausführen können, dem intellektuellen Zweig zuzuführen“,144 enthält durchaus jenes
progressive Potenzial, das Fortbildungsmaßnahmen
– zumal solchen, die breit und un-
entgeltlich angeboten werden – grundsätzlich innewohnt. Besonders deutlich sichtbar
wurde das bei den Spitalskursen, in denen Personen Schreib- und Rechenunterricht
erhielten, die unter anderen Umständen nie in die Lage gekommen wären, sich eine
Elementarbildung anzueignen. Invalidenschulung zeigte also auf, dass Weiterquali-
sind“
– nach Möglichkeit ganze Familien mit einem invaliden Vater oder einem invaliden Sohn
– sollten
als Lehrer nach Tirol geholt werden und den auf den Musterhöfen untergebrachten
– nach Möglichkeit
ebenfalls verheirateten („Die Landeskommission glaubt in diesem Umstand eine potenzierte Gewähr
ihrer Bodenständigkeit zu erblicken“) – Tiroler Kriegsbeschädigten ihr Wissen weitergeben. Ähnliche
Projekte wurden auch im Deutschen Reich überlegt ; Perry, Brave Old World, S. 155.
141 Dazu etwa Robert Hoffmann, „Nimm Hack’ und Spaten …“. Siedlung und Siedlerbewegung in Öster-
reich 1918–1938, Wien 1987, S. 34–40 ; Albert Lichtblau, Wiener Wohnungspolitk 1892–1919, Wien
1984, S. 102–117. Zeitgenössisches : Karl Adam-Kappert, Schafft Kriegerheimstätten ! Ein Aufruf zur
Versorgung der Kriegsinvaliden, Graz 1916 ; Sozialausschuss der Landeskommission zur Fürsorge für
heimkehrende Krieger, Die Errichtung von Kriegerheimstätten in Tirol, Innsbruck 1916.
142 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 24255/1918.
143 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S. 176.
144 Spitzy, Orthopädisches Spital, S. 116.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918