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Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Seite - 144 -
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144 Invalidenschulung war Arbeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts längst nicht mehr allein Mittel, seinen per- sönlichen Lebensunterhalt zu verdienen, Arbeit schuf darüber hinaus subjektiv Iden- tität und war  – wie Deborah Cohen für die Kriegsbeschädigten des Deutschen Reichs formulierte  – „Grundlage einer vollwertigen Mitgliedschaft in der Gesellschaft“ und daher „Pflicht und Recht gleichermaßen“.174 Dieses Konzept, das Arbeit einerseits als Dienst an der Gemeinschaft, andererseits aber  – weil Arbeit als eigentlicher Zweck des Daseins und damit als sinnstiftend begriffen wurde  – auch als Anspruch an diese ver- stand, wurde von christlichen, liberalen und sozialistischen Traditionen gleichermaßen unterstützt und hatte sich in Europa spätestens seit dem bürgerlichen 19. Jahrhundert voll durchgesetzt.175 Die Invalidenschulung war eine Konsequenz dieser Entwicklung. Die Schulung der Kriegsinvaliden sei „ein junges Problem, ein Kind des Krieges und zugleich ein Kind des Jahrhunderts“,176 fasste Otto Burkard die neue Herausforderung zusammen. Ein physisch geheilter Kriegsbeschädigter war, wie er es ausdrückte, „in- solange nicht auch als ‚sozial‘ geheilt zu betrachten, solange er nicht als arbeitsfähiges, produzierendes Glied der Gesellschaft zurückgegeben ist“.177 Wie die Kriegsbeschädigten diese aus Zwangs- und Fürsorgeelementen zusammen- gesetzte Behandlung erlebten, ist aus den vorhandenen Quellen nur sehr vermittelt zu erahnen, kommen sie doch dort nie selbst zu Wort. Die Landeskommissionen bemüh- ten sich, positive Berichte zu verbreiten : Meldungen „von einer Art Lernhunger und übergroßem Eifer“178 mancher Invalidenschüler kamen aus der schlesischen Staatsge- werbeschule in Bielitz.179 „Nicht selten sah man“ bei einem landwirtschaftlichen Kurs im oberösterreichischen Mönchdorf „nach der Tagesarbeit noch die Leute im Lehr- zimmer weiter arbeiten. Mit sichtlicher Freude konnte man auch die Wahrnehmung machen, daß die der regelmäßigen Arbeit entwöhnten Kriegsinvaliden sich selbst wie- dergefunden hatten.“180 Und aus Tirol wurde berichtet, dass die „beim Eintritt in die Anstalt, infolge des langen Spitalaufenthaltes, häufig wahrgenommene Energielosig- 174 Deborah Cohen, Kriegsopfer, in : Rolf Spilker/Bernd Ulrich (Hg.), Der Tod als Maschinist. Der indus- trialisierte Krieg 1914–1918. Eine Ausstellung des Museums Industriekultur Osnabrück im Rahmen des Jubiläums „350 Jahre Westfälischer Friede“. 17. Mai–23. August 1998. Katalog, Bramsche 1998, S.  216–227, hier S.  221. 175 Werner Conze, Arbeit, in : Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1 : A–D, Stuttgart 1972, S.  154–215. 176 Burkard, Schulung, S.  99. 177 Ebd. 178 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S.  176. 179 Heute poln. Bielsko-Biała. 180 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S.  237.
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
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Titel
Die Wundes des Staates
Untertitel
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Autoren
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
586
Kategorien
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