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145Schulungszwang
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keit der Kriegsbeschädigten […] während des Kurses merklich [schwand].“181 Unwei-
gerlich provozieren solche Aussagen die Frage, ob Arbeit tatsächlich das Wundermittel
für Heilung und Reintegration war und den Zwangscharakter der Maßnahme ent-
schuldigte, oder ob idealisierende Äußerungen wie diese nicht vielmehr den Ausdruck
eines Wunsches darstellten und daher gerade auf Probleme hinwiesen. Jedenfalls gibt
es neben den euphorischen Berichten über ungewöhnliche Arbeitsfreude mindestens
genauso viele, wenn nicht sogar mehr Zeugnisse, in denen „Arbeitsunlust“ und „Ar-
beitsscheu“ der Kriegsbeschädigten thematisiert und beklagt werden. Die beobachtete
Energielosigkeit und Abwehr wurde mit der langen Entwöhnung von geregelter Ar-
beit, dem „sorgenfreien“182 Leben in den Spitälern, der Schwere der Verwundung, einer
allgemeinen Verbitterung, aber auch mit der Angst vor dem Verlust der Invalidenrente
erklärt.183 Und schließlich dürften allfällige Vorbehalte der Kriegsbeschädigten gegen
eine zwangsweise Heilung und Schulung auch von der Befürchtung gespeist gewesen
sein, die an ihnen eingesetzten Mitteln würden ohnehin nur dazu dienen, sie möglichst
wieder militärdiensttauglich zu machen. Dass diese Angst durchaus berechtigt gewe-
sen sein dürfte, belegen die in einem früheren Kapitel präsentierten Zahlen.184
Die Kriegsbeschädigten hatten viel durchgemacht und wollten nun versorgt wer-
den ; sie meinten, „nach ausgestandenen Mühen und Strapazen nach Verwundung
oder Erkrankung ein Recht auf Ruhe und Nichtstun zu haben“.185 Nicht nur die Er-
fahrungen im Feld, sondern auch jene, die sie in den Sanitätsanstalten gemacht hatten
und die – glaubt man einem Redner im Abgeordnetenhaus –, vor allem wenn es sich
um entlegene Spitäler handelte, hinsichtlich der medizinischen Behandlung wie auch
der humanen Betreuung katastrophal gewesen sein konnten,186 ließen eine grundsätz-
liche Abwehrhaltung der Kriegsbeschädigten gegenüber immer weiteren Anforderun-
gen wohl leicht entstehen. „Ihre Redensarten lauten, dass sie sich die Knochen für
den Staat haben kaputtschiessen lassen, dass sie nun auch durch den Staat erhalten
werden müssen“.187 Dass sich diese Menschen bereitwillig und freudig einer Invaliden-
schulung unterzogen haben, ist schwer vorstellbar, und dass sie die von den Experten
181 Bericht aus Tirol ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1361, 13776/1918, S. 13.
182 Ebd., Kt. 1357, 2083/1918, Gesellschaft zur Fürsorge für Kriegsinvaliden an AV v. 27.1.1917.
183 Siehe dazu z. B. einen Redner im Abgeordnetenhaus : Sten. Prot. AH RR, XXII. Session, 56. Sitzung v.
30.1.1918, S. 2943 (Jankovič).
184 Vgl. Kapitel 4.5.
185 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 243.
186 Sten. Prot. AH RR, XXII. Session, 56. Sitzung v. 30.1.1918, S. 2949–2951 (Klemensiewicz).
187 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1357, 2748/1918, AV Troppau v. 14.7.1917. Siehe auch Payer, Inva-
lidenelend, S.
11 : „Nun hat sich aber in ganz begreiflicher Weise bei den Invaliden, trotzdem sie durch
Schulung wieder erwerbsfähig gemacht werden können, die Meinung eingenistet, der Staat müsse sie
ganz erhalten.“
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918