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153Erfolg
oder Misserfolg? Die Zahlen
ten geschulte Kriegsbeschädigte hinzurechnet, so ergibt das eine Zahl von 23.700 in
der österreichischen Reichshälfte geschulten Kriegsbeschädigten. Zum selben Zeit-
punkt betrug jedoch die Gesamtzahl der österreichischen Kriegsbeschädigten bereits
fast 162.000.217 Das würde bedeuten, dass die Schulungsmaßnahmen nur 15 % aller
Kriegsbeschädigten erreichten. Eine aus Salzburg überlieferte Zahl bestätigt dieses
Zahlenspiel : Die dortige Landeskommission beklagte, dass nicht einmal ein Zehntel
aller Kriegsbeschädigten von der Invalidenschulaktion erfasst würde.218 Wenn man
zusätzlich in Rechnung stellt, dass – wie auch Baron Klimburg einräumte – nur die
Hälfte der Geschulten ihre Schulung auch wirklich abschloss,219 so erweckt das wei-
tere Zweifel an der realen Bedeutung und Effizienz der groß angelegten Invaliden-
schulaktion.
Den Erfolg der Schulungsmaßnahmen könnte man freilich auch daran ablesen, wie
gut es den Geschulten gelang, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Während des
Krieges dürfte das leicht gewesen sein. 1916 meldete die Invalidenschule in der Wiener
Michelbeuerngasse, dass die Teilnehmer des eben abgeschlossenen Maschinzeichen-
kurses „sämtlich gut bezahlte Anstellungen in den Maschinenfabriken gefunden“220
hatten, wo sie sich dem Vernehmen nach auch sehr gut bewährten. Ebenso wurden
fast alle der insgesamt 656 zwischen Frühjahr 1915 und Ende 1916 an den landwirt-
schaftlichen Lehranstalten Niederösterreichs unterrichteten Kriegsbeschädigten auf
gut bezahlten Stellen untergebracht.221 Und auch die Absolventen der Invalidenschule
an der oberösterreichischen Staatsgewerbeschule konnten 1917 im Allgemeinen leicht
vermittelt werden.222 Schon gegen Kriegsende und besonders nach dem Krieg sollte
sich das freilich grundlegend ändern.
Skeptische Stimmen hinsichtlich der Invalidenschulung gab es jedenfalls – wenn
auch vereinzelt
– schon unter den Zeitgenossen. Otto Liermberger, Chefarzt des k. u. k.
Fürsorgeheimes in Innsbruck, äußerte sich bei einer Tagung der Bezirksfürsorgestel-
len223 der Tiroler Landeskommission im Juni 1918, also nur ein knappes Jahr nach
Baron Klimburgs euphorischen Worten, pessimistisch zum Konzept der Invaliden-
schulung :
217 Auf Basis der bis zum 31.3.1918 im Ministerium für soziale Fürsorge eingelangten Zählkarten er-
rechneten die Statistiker eine Gesamtzahl von 161.779 Kriegsbeschädigten seit Beginn des Krieges ;
AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 24911/1918.
218 Ebd., Kt. 1361, 13334/1918.
219 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 269.
220 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S. 203.
221 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 260.
222 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1361, 14921/1918.
223 Zu den Bezirksfürsorgestellen vgl. Kapitel 6.3.2.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918