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154 Invalidenschulung
„Wenn man nun fragt, was mit diesen Invaliden zu beginnen sei, stellen sich sofort die ge-
prägten Schlagworte ‚Schulung‘ oder ‚Umschulung‘ ein. Diese Schlagworte, meine Heren
[sic], haben sicher viel Gutes geschaffen. Wenn man sich aber die Unsummen von Mühen vor
Augen hält, die von seiten aller aufgewandt wurden, die sich mit der Schulung beschäftigen,
und sie mit den Ergebnissen vergleicht, so kommt man doch zu dem Schlusse, dass nur in
verhältnismäßig wenigen Fällen aufgewandte Mühe, Zeit und Kosten im richtigen Verhält-
nis zum erzielten Erfolge stehen. Wir sind daher zurückhaltend mit dem Rate zur Schulung
und noch zurückhaltender mit dem Rate zur Umschulung geworden.“224
Die Geschichte Franz Weilers,225 eines 31-jähriger Taglöhners aus Mittersill, steht
exemplarisch für dieses Missverhältnis zwischen Schulungsaufwand und Erfolg. Sie
scheint jene kritische Haltung zu unterstützen, die in der Umschulung wenig Sinn
erkennen konnte – eine Haltung übrigens, die nach dem Krieg auch im Zusammen-
hang mit den Nach- und Umschulungsmaßnahmen für Arbeitslose zu beobachten
war.226
– Franz Weiler war nach einer Granatverschüttung am 28. Februar 1915 an bei-
den Beinen gelähmt ; von den Ärzten wurde zusätzlich eine hysterische Zitterlähmung
diagnostiziert. Nach siebenmonatigem Spitalsaufenthalt wurde er im Oktober 1915
mit einer „gänzlich unangebrachten Prothese entlassen, die ihm eine Atrophie des am
stärksten gelähmten linken Fusses noch dazufügte“. Die Gemeinde Mittersill schickte
ihn dann über seine eigene Bitte noch einmal zur Nachuntersuchung, und er wurde
neuerlich im Vereins-Reserve-Spital Salzburg aufgenommen und nachbehandelt. Weil
für ihn nur ein sitzender Beruf infrage kam, überwies ihn die Berufsberatung – mitt-
lerweile war seit seinem Eintritt in das Spital wieder ein Jahr vergangen – an die
Uhrmacherei. Es fand sich zunächst aber kein Uhrmacher, der ihn geschult hätte, und
daher wurde er – immer noch im Spital – von einem ebenfalls kriegsbeschädigten
Uhrmachermeister ein halbes Jahr lang in den ersten Anfängen der Uhrmacherei un-
terrichtet. Dieser Erstunterricht dauerte bis März 1917. Danach stand er für zwei
weitere Monate bei einem Salzburger Uhrmacher in Lehre, der aber schließlich jede
weitere Schulung ablehnte, da er Weiler für ungeeignet hielt. Dieser wurde, weil er
eindringlich darum bat, beim Uhrmachergewerbe bleiben zu dürfen, daraufhin zu
einem Uhrmachermeister nach Hallein vermittelt und arbeitete dort bis Dezember
1917 weitere fünf Monate lang an Vierteluhren, Wand-Pendeluhren und Weckern. Er
konnte jedoch nicht auslernen, weil der Meister wegen einer Sehschwäche nicht in
224 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 22120/1918, Otto Liermberger, Nachbehandlung und Berufs-
beratung Kriegsverletzter (= Beilage 1 des Protokolls), S. 15f.
225 Ebd., Kt. 1362, 17300/1918.
226 Karl Forchheimer, Arbeitslosenfürsorge und Arbeitsvermittlung, in : Exner, 10 Jahre Wiederaufbau,
S. 273–275, hier S. 274.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918