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Nach 1918
Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Seite - 155 -
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155Erfolg oder Misserfolg? Die Zahlen der Lage war, ihn in der Reparatur von Taschenuhren zu unterweisen. Daher wurde Weiler im März 1918 bei einem anderen Halleiner Uhrmachermeister  – der selbst Kriegsbeschädigter war  – untergebracht. Auch dieser sah wenig Chance, den Lehrling der Uhrmacherei zuzuführen. „Obwohl er sonst brav ist, eignet er sich gar nicht für die Uhrmacherei, ich gebe mir die grösste Mühe mit ihm, doch scheint es bis jetzt umsonst zu sein.“  – So der Stand dieser Geschichte Mitte 1918. Ob die Berufsaus- wahl eine falsche war (sei es, weil sich Weiler wirklich nicht für diesen Beruf eignete, sei es, weil ihn seine Kriegsbeschädigung zu stark einschränkte), ob die ausbildenden Uhrmacher unwillig waren oder ob Franz Weiler den Abschluss der Lehre aus Versor- gungsgründen hinauszögerte, ist unbekannt. Jedenfalls war der Prozess seiner Heilung, Nachbehandlung und Schulung Mitte 1918  – mehr als drei Jahren nach seiner Ver- wundung  – immer noch nicht abgeschlossen. Aus dem Salzburger Taglöhner war trotz mehrjähriger Schulungsbemühungen kein Uhrmacher geworden. Ein Wiener Gemeinderat stellte Anfang 1918 resignierend fest : „[J]ene kolossa- len Erfolge, die man sich von der Prothese, von der Wiedergabe der Arbeitsfähigkeit durch die Einwirkung und Schulung der Invaliden versprochen hat, haben sich nicht eingestellt. […] Einem wirklichen Invaliden wird doch die volle Erwerbsfähigkeit nicht wiedergegeben werden können, das ist so klar wie nur etwas.“227 Selbst Techni- ker wie Wilhelm Exner, Gründer des Wiener Technischen Museums, Vorstand und Mitbegründer des Vereins „Die Technik für die Kriegsinvaliden“ und seit 1905 Mitglied des Herrenhauses, verwehrten sich gegen Überhöhungen. Viele Fotos suggerierten ja, dass Kriegsbeschädigte trotz amputierter Gliedmaßen Rad fahren und musizie- ren, einen Pflug lenken oder Werkzeuge bedienen konnten.228 Exner war besonders erzürnt über das Titelbild der von der Gesellschaft zur Fürsorge für Kriegsinvalide, einer privaten Invalidenfürsorgestelle, herausgegebenen Zeitschrift, das einen Kriegsbeschä- 227 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1359, 9055/1918, Amtsblatt der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien v. 12.2.1918, S.  284 (Gemeinderat Dr. Hein). 228 Z. B. Ebd., Kt. 1364, 1475/1918, Rudolf und Josephine Pick, Kalligrafieunterricht (Fotos). Vgl. auch Wienbibliothek, Tagblattarchiv, Mappe : Kriegsinvalide 1917–1918 (Fotos). Ein Beispielzitat für viele : „Es ist eine beliebte Art, bei Gelegenheit wie die der heutigen Tagung Prothesenträger vorzuführen, die es in der Benützung ihrer Prothesen zu ganz besonderer Kunstfertigkeit gebracht haben. Wir könnten mit dem gleichen Rüstzeug kommen. Z. B. mit Oberschenkelamputierten, die ausgezeichnet radfahren, oder ihre von früher gewohnten Klettertouren in den Kalkkögeln machen und bei 1 Meter Schnee die Reitherspitze bestiegen. […]  – Solche Vorstellungen sind meines Erachtens zu sehr geeignet, die über- lieferten Ansichten über die vollkommene Hilflosigkeit der Amputierten überzukorrigieren, d. h. in die gegenteilige zu verwandeln. Man muß aber immer daran festhalten, daß der Amputierte auch unter den besten Verhältnissen gegenüber einem Menschen mit seinen gesunden vier Gliedmaßen schwer im Nachteile ist“ ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 22120/1918, Otto Liermberger, Nachbehand- lung und Berufsberatung Kriegsverletzter (= Beilage 1 des Protokolls), S.  15.
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Die Wundes des Staates
Untertitel
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Autoren
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
586
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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