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156 Invalidenschulung
digten mit Fußprothese am Amboss darstellte, obwohl doch jeder Laie wisse, dass ein
Invalider mit Fußprothesen am Amboss nichts erreichen könne, wie auch ein Invalider
mit Armprothesen nicht in der Lage sei, Feldarbeiten zu verrichten.229 Eigentümlich
an dieser Kritik war nicht nur, dass Exner damit gegen einen Verein auftrat, dessen
Ehrenpräsident er während230 und auch noch nach dem Krieg231 war ; eigentümlich ist
auch der Rundumschlag, der sich nicht nur auf Prothesen und Invalidenschulung be-
zog, sondern auch die Arbeitsvermittlung miteinbezog, die an den Kriegsinvaliden sei-
ner Meinung nach ähnliches „verbrochen“232 habe. Ob das die von einem realistischen
Blick geprägte Aussage eines Mannes war, der über die praktischen Probleme Bescheid
wusste und nur dem Machbaren das Wort reden wollte, oder ob es eine bloß frustrierte
Tagesmeldung war – das sei dahingestellt.233 Die Arbeitsvermittlung stand jedenfalls
in einer Reihe mit Berufsberatung und Invalidenschulung und bildete gleichsam den
Abschluss des Reintegrationsprogrammes für Kriegsbeschädigte. Und tatsächlich kam
es bei dieser dann letztlich nicht mehr vermeidbaren Konfrontation mit der Realität –
hier in Form des Arbeitsmarktes – zu den größten Schwierigkeiten.
229 Das von Exner kritisierte Publikationsorgan der Gesellschaft zur Fürsorge für Kriegsinvalide trug den
Namen Invalidenschutz ; z. B. AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1359, 9235/1918. Die Gesellschaft
übernahm neben der Arbeitsvermittlung halbamtliche Funktionen, indem sie schwer vermittelbare
Kriegsbeschädigte betreute ; siehe Kapitel 5.2.2.
230 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1356, 1300/1918.
231 Ebd., Kt. 1391, 30182/1921.
232 Ebd., Kt. 1359, 8246/1918, Protokoll der Sitzung des Arbeitsausschusses der k. k. Arbeitsvermittlung/
Landesstelle Wien v. 4.3.1918, S. V.
233 Eine viel positivere Einschätzung der Situation liefert Exner in seinen Erinnerungen ; Wilhelm Exner,
Erlebnisse, Wien 1929, S. 143–151.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918