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160 Platzierung auf dem Arbeitsmarkt : Die k. k. Arbeitsvermittlung an Kriegsinvalide
beispielsweise Ende 1916 mit ihren Anträgen auf Kostenersatz an die Bezirkshaupt-
mannschaften und die Statthalterei, doch diese ließen – weil sie nicht unterrichtet wa-
ren, wie sie solche Anträge bearbeiten sollten
– die „Akten einfach unerledigt liegen“.21
Die Landesstelle der Arbeitsvermittlung, der diese Bezirksarmenräte in ihrer Funk-
tion als Arbeitsvermittlungsbüros für Kriegsbeschädigte eigentlich unterstanden, saß
ihrerseits „vollständig auf dem Trockenen“ : Sekretäre, die kleine Ausgaben aus ihren
Privatmitteln vorgestreckt, aber nicht ersetzt bekommen hatten, waren schon „sehr un-
gehalten“ ; der Landesverband für Fremdenverkehr musste eine Summe zur Deckung
von Personalkosten vorschießen, und Geschäftsleute „dräng[t]en in ungestümer Weise
nach Bezahlung ihrer Rechnungen“ ; das Ministerium, dem diese Probleme vorgelegt
wurden, reagierte nicht.22
Jene Aufgabe der neuen Stelle aber, die – gesetzlich zwar nicht normiert – den-
noch bald im Mittelpunkt der Tätigkeit stand, war die materielle Unterstützung der
Kriegsbeschädigten bis zu einer ersten Lohnzahlung.23 Diese Unterstützung, die nach
Möglichkeit in Form von Naturalien gewährt werden sollte, in der Praxis aber häufig
in einer finanziellen Aushilfe bestand, war zwar rein subsidiär und der Kriegsbeschä-
digte konnte keinerlei Anspruch geltend machen, doch die Tatsache, dass die soziale
Kriegsbeschädigtenfürsorge damit um den Bereich monetärer Zuwendungen erweitert
wurde, kann als Eingeständnis der Behörden gelesen werden, dass es mit Schulung und
Arbeitsvermittlung allein nicht getan war, um das Projekt der Reintegration wirklich
zu vollenden. Die Landeskommissionen wären budgetär zu solchen Unterstützungs-
zahlungen nicht in der Lage gewesen ;24 die Landesstellen der k. k. Arbeitsvermittlung
an Kriegsinvalide erhielten für diesen Teil ihrer Aufgaben staatliche Zuschüsse.25 Ihre
Ortsstellen hießen bezeichnenderweise Fürsorgeausschüsse, wie der ganze Bereich
21 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1553, Sa 4, 2687/1918, AV Wien an MdI v. 14.11.1916.
22 Alle Zitate : Ebd.
23 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S.
152–157. Manche Kronländer
– wie z. B. Salzburg
–
machten von dieser Möglichkeit jedoch nicht Gebrauch ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1553, Sa 11,
6914/1918, LR Salzburg an MfsF v. 1.3.1918. In Salzburg hatte diese Fürsorge (die individuelle Unter-
stützung der Kriegsbeschädigten mit Handgeld, Kleidung, Wäsche, Schuhen usw.) bis zum 20.4.1918
das Kriegshilfsbüro der Landesregierung übernommen, die Landeskommission prognostizierte, dass sie
nach Übernahme dieser Agenden Ende Mai 1918 „am Ende ihrer Leistungskraft angelangt sein“ werde ;
ebd., Kt. 1553, Sa 11,13074/1918, LK an MfsF v. 17.5.1918. Auch für die mährische Arbeitsvermittlung
waren bis Anfang 1918 noch überhaupt keine staatlichen Mittel aufgewandt worden ; ebd., Kt. 1553, Sa
8, 12432/1918.
24 Auf diesen Umstand wiesen mehrere Landeskommissionen hin ; ebd., Kt. 1362, 17603/1918 ; ebd., Kt.
1553, Sa 11, 2705/1918, LK Salzburg an MdI v. 22.9.1917 ; ebd., Kt. 1553, Sa 11, 2705/1918, Statthalte-
rei für Tirol und Vorarlberg an MdI v. 17.2.1917.
25 Z. B. die Erwähnung der gewährten Kredite ; ebd., Kt. 1359, 8246/1918, Protokoll der Sitzung des Ar-
beitsausschusses der k. k. Arbeitsvermittlung/Landesstelle Wien v. 4.3.1918, S. VIII.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918