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162 Platzierung auf dem Arbeitsmarkt : Die k. k. Arbeitsvermittlung an Kriegsinvalide
schädigten Männer, die sich an die Arbeitsvermittlungsbüros wandten, vermittelt.27 Und
die niedrigsten Raten wurden aus Laibach gemeldet, wo nur 5 bis 10 % der in den Büros
registrierten Männer in den Arbeitsmarkt reintegriert werden konnten.28 Unbefriedigend
war auch die Tatsache, dass ein Großteil der Kriegsbeschädigten – angeblich 80 %29 –
die vermittelten Stellen innerhalb eines Jahres wieder verließ. Während Berichte über
die Invalidenschulung meist außergewöhnlich positiv, ja vielfach enthusiastisch ausfielen,
vermisst man diesen euphorischen Ton bei der Arbeitsvermittlung völlig.
5.2.1 Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage
Eine der Hauptschwierigkeiten bestand darin, dass die Arbeitsvermittlungsbüros das
auf dem Arbeitsmarkt herrschende Missverhältnis von Angebot und Nachfrage nur
mangelhaft überbrücken konnten. In den ersten Kriegsjahren wurden ihnen oft Stellen
gemeldet, für die sich Kriegsbeschädigte
– sei es aufgrund ihres konkreten Leidens, sei
es aufgrund fehlender Qualifikation – einfach nicht eigneten. Das Justizministerium
wollte zum Beispiel 1916 unter den Kriegsbeschädigten staatsanwaltliche Funktionäre
rekrutieren und startete eine Werbeaktion, konnte aber zwei Jahre später erst die An-
stellung von zwei Personen melden.30 Im letzten Kriegsjahr war dann oft umgekehrt
die Nachfrage nach Posten größer als das Angebot.31 Der Rohstoff- und Kohlemangel
hatte zu diesem Zeitpunkt viele Betriebe bereits dazu gezwungen, ihre Produktion zu
reduzieren oder ganz einzustellen und Arbeitskräfte zu entlassen.32
Es gab freilich mit dem großen Sektor der Kriegswirtschaft einen Bereich, in dem
sich Arbeitsmöglichkeiten für Kriegsbeschädigte eröffnet hätten, doch Landeskom-
missionen wie Vermittlungsbüros standen einer Vermittlung von Arbeitsplätzen in
27 Ebd., Kt. 1356, 93/1918, Landeszentralarbeitsamt in Prag III an MdI v. 29.12.1917 ; ebd., Kt. 1357,
2635/1918.
28 Ebd., Kt. 1356, 1669/1918.
29 Ebd., Kt. 1358, 4471/1918, Bericht über die Beratung der Arbeitsvermittlungen am 7.2.1918, S.
3 ; siehe
auch ebd., S. 8 : „Viel Verdruss bereitet das Vorkommen arbeitsunfähiger und arbeitsscheuer Elemente
unter den Invaliden. Epileptische, Geistesgestörte, Lungenkranke und an Nervenschock leidende Inva-
lide vermögen ihre Posten nur auf kurze Zeit auszufüllen und werden daher immer von neuem an die
Landesstelle verwiesen. In letzter Zeit hat sich die Praxis eingebürgert, derartigen Invaliden Aufseher-
posten in Flüchtlingslagern zu vermitteln, woselbst sich diese Leute vielfach erholen.“
30 Ebd., Kt. 1356, 1591/1918. Die Aktion wurde nach Kriegsende noch einige Jahre weitergeführt, doch
der Erfolg blieb weiter aus ; ebd., Kt. 1371, 6678/1920.
31 Ebd., Kt. 1358, 4346/1918, AV Wien v. 6.2.1918. Das wird zum Teil auch schon für 1917 behauptet ;
Weiss in ebd., Kt. 1359, 8246/1918, Protokoll der Sitzung des Arbeitsausschusses der k. k. Arbeitsver-
mittlung/Landesstelle Wien v. 4.3.1918, S. IX.
32 Z. B. ebd., Kt. 1358, 4471/1918, Bericht über die Beratung der Arbeitsvermittlungen am 7.2.1918, S. 6.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918