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178 Die Verwaltung : Schwachpunkt der sozialen Kriegsbeschädigtenfürsorge
sionen sei zu schwerfällig und die Tatsache, dass alle Arbeiten im Nebenamt erledigt
werden mussten, angesichts der steigenden Zahl der Kriegsbeschädigten untragbar.30
Die Beamten Marschners, die die Agenden der Kriegsopferfürsorge nebenbei betreu-
ten, würden schon jetzt teilweise ihre freien Nachtstunden dafür opfern. Außerdem
stelle die Trennung der Arbeitsvermittlung von der übrigen Tätigkeit der Landeskom-
missionen den Erfolg der Kriegsbeschädigtenfürsorge grundsätzlich infrage, weil hier
ein wesentlicher Teil der Aufgaben unerfahrenen Personen überlassen würde, die zu-
dem nicht vom Fürsorgegedanken geleitet seien. Der in der normalen Arbeitsvermitt-
lung tätige Beamte, der bislang nur Dienstmädchen und Tagelöhner vermittelt hatte,
sei als Berufsberater für einen Kriegsbeschädigten völlig überfordert.
„Der […] soll in die Psyche dieses geschlagenen Menschen eindringen, soll beurteilen, ob der
Krieger noch erwerbsfähig ist und für welchen Beruf er sich eignen soll, wie ihm geholfen
werden könnte ? […] woher soll er über Nacht alle die Qualifikationen bekommen, Fälle zu
beraten, die uns, die wir uns ununterbrochen damit beschäftigen, alle Mittel und Wege ken-
nen, oft mutlos und ratlos machen ?“31
Eger schlug daher eine grundlegende Reorganisation der Landeszentrale und ihre Um-
wandlung in ein vollkommen selbstständiges Amt mit verschiedenen Fachabteilungen
und eigenen Angestellten vor. Dieser Zentrale sollten außerdem die Arbeitsvermitt-
lungen
– massiv ausgebaut und mit qualifizierten und lokal verankerten Berufsberatern
ausgestattet – wieder unterstellt werden.32 Freilich wurde ihm sofort entgegengehalten,
dass dieses Programm „zu Ausgaben von Millionen“33 führen würde und dass es bes-
ser sei, an bestehende Strukturen (der Arbeitsnachweise) anzuknüpfen und die Or-
ganisation schrittweise auszubauen, als einen völlig neuen Apparat zu schaffen. Eger
könne – so Attems, der sich eine Spitze in Richtung Militär nicht verkneifen konnte –
nur „deshalb mit solchen Phantasien kommen“,34 weil er kein Beamter sei. Die hohen
Kosten des Modells und auch der kriegsbedingte Mangel an Arbeitskräften würden die
von Eger vorgeschlagene Reorganisation ganz illusorisch machen. Egers Aussage, dass
man „Invalidenfürsorge […] nicht vom grünen Tisch aus betreiben [könne]“, dass sie
„unten in der Heimat des Kriegsbeschädigten beginnen“ und „vom praktischen Leben
30 Ebd., S. 281.
31 Ebd., S. 279f. Auch Robert Weiss hatte 1916 nach seiner Dienstreise nach Salzburg betont, dass der
für die Salzburger Arbeitsvermittlung zuständige Beamte, der bisher nur weibliche Hausdienstboten
vermittelt hatte, noch geschult werden müsse ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1357, 2707/1918.
32 Eger zufolge war das in Ungarn der Fall ; K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 281.
33 Ebd., S. 282.
34 Ebd., S. 284.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918