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183Reorganisation
1918
einmal wegen einer Anfrage galizischer Abgeordneter.53 Das Herrenhaus war etwa zur
gleichen Zeit mit Wilhelm Exners scharfer Verurteilung der Organisation der k. k. Ar-
beitsvermittlung an Kriegsinvalide konfrontiert.54 Die Einrichtung des Ministeriums
für soziale Fürsorge, das am 1. Jänner 1918 seine Tätigkeit aufnahm und dem neben
anderen Aufgabenbereichen auch die Kriegsbeschädigtenfürsorge übertragen wurde,55
leitete schließlich eine Reorganisation in diesem Sektor ein.
6.3.1 Mangelnder Überblick
Als erstes ging es darum, die notwendigen Grundlagen für die eigene Arbeit zu er-
heben. Eine der allerersten Maßnahmen des österreichischen Ministeriums für sozi-
ale Fürsorge war etwa die Herausgabe eines Erlasses am 3. Jänner 1918, in dem die
Landeskommissionen „ersucht“ wurden, alle in ihrem Kronland bestehenden – pri-
vaten wie öffentlichen – Fürsorgeeinrichtungen für Kriegsbeschädigte zu melden.56
Die Landeskommissionen kamen diesem Ersuchen in unterschiedlicher Weise nach.
Einige Berichte waren lückenhaft, andere blieben – wie beispielsweise jener aus Kla-
genfurt – überhaupt aus.57 Die böhmische Landeszentrale verweigerte die mühsame
Anlage eines Verzeichnisses der kleinen lokalen Fürsorgevereine mit der Begründung,
dass diese in der Praxis ohnehin irrelevant seien ;58 die mährische Landeskommission
sah sich ebenfalls nicht in der Lage, eine Auflistung zu liefern, und verwies auf die poli-
tischen Bezirksbehörden. Und die niederösterreichische Landeskommission bedeutete
dem Ministerium, einfach keinen Überblick über die auf dem flachen Land außerhalb
Wiens bestehenden Vereine zu haben.59 Auch das statistische Material, das das neue
Ministerium zeitgleich vom Kriegsministerium erbat,60 machte – wie der Referent im
Akt handschriftlich anmerkte – „durchaus nicht den Eindruck der Vollständigkeit“.61
Trotzdem gewannen die Beamten in Wien durch die eintreffenden Verzeichnisse
zumindest einen Eindruck von der Lage : Die Meldungen vermittelten durchwegs das
53 Anfrage der Abgeordneten Halban und Genossen wegen der unzureichenden Invalidenfürsorge in Ga-
lizien v. 23.11.1917 ; ebd., Kt. 1360, 11696/1918.
54 Ebd., Kt. 1359, 8246/1918 ; vgl. Kapitel 4.7.
55 Zu den Agenden des Ministeriums siehe Heise, Ministerium für soziale Fürsorge, S. 43.
56 Erlass 178 v. 3.1.1918 ; vor allem AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1358, 5015/1918 ; ebd., Kt. 1356,
178/1918 ; ebd., Kt. 1356, 616/1918.
57 Der Bericht der niederösterreichischen Landeskommission traf mit großer Verspätung ein ; ebd., Kt.
1361, 14925/1918.
58 Ebd., Kt. 1358, 5015/1918.
59 Ebd.
60 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1361, 14925/1918.
61 Ebd., Kt. 1358, 5015/1918.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918